Leben | Monaco und die Liebe

Deutschordens-Konvent in Lana (c) dege 2021
Deutschordens-Konvent in Lana (c) dege 2021

Monaco heißt Mönch. Kommt vom Griechisch/Lateinischen aus der Zeit, als das Mönchstum in Europa heimisch wurde. Eine neue und revolutionäre Lebensweise, die das Abendland begründen sollte. Benedictus von Nursia (Norcia, Umbria), um das Jahr 500, war einer der legendären Gründergestalten.

Monaco – da steckt das hellenische Mono drin – Eins, Allein, Solo.

Als das alte Rom alles und von allem zu viel hatte, die Frauen keine Kinder mehr wollten, die Schwulenmode überhand nahm und so das alte Modell der römischen Familie über den Haufen geschmissen wurde, da dachten junge Leute an einen radikalen Schnitt.

Sie schlossen sich zu Wohngemeinschaften auf dem Land zusammen. In diesem selbstversorgenden, exklusiven Großhaus, genannt Claustrum, Kloster, lebten die jungen Buschen in diesem, die Mädels in jenem. Getrennt.

Losgelöst und geschützt vor der Kettensäge des städtischen Lasterlebens konnten die Aussteiger für sich selbst sein. Noch dazu  vollkommen gleichberechtigt mit den gleichgesinnten Mitbewohnern in der Lebens- und Hausgemeinschaft, die wiederum sich selbst genug war: Eine reale Monade (Leibniz).

Diese neue Form des Alleingenügens im Zusammenleben unter Gleichen in einer selbst auferlegten, klaren und unabänderlichen Hausordnung wurde ein weit über tausendjähriges Erfolgsmodell. Die Klöster waren wie Inseln, wie Archen, wie Samenkörner, die den Schatz der Zivilisation hüteten, während draußen die schiere Dekadenz wie eine Seuche das gesellschaftliche Leben zerrüttete und eindringende neue Völker auf diesem Dung ihre Herrschaft gründeten.

Mit der Zeit wurden die Klöster auch ein Werkzeug der Familienplanung und der Bevölkerungspolitik. Sie waren der Lebensraum für weichende Erben, für die zu vielen Mäuler, die in einer Mann-Weib-Familie nicht gestopft werden konnten. Sie waren der Hof für mächtige Männer und Frauen, die in der Rangfolge der Macht weiter hinten standen oder sich nicht am Kampf um den obersten Platz beteiligen wollten.

Mehr noch: Das Klosterleben war der Gegenentwurf zum Eheleben,  zum bürgerlichen Leben allgemein. So wurden die Klöster auch die Keimzellen der Emanzipation. Von Männern und von Frauen. Wie und wo sonst konnte ein einfacher, aber gescheiter junger Mann aus einfachen Verhältnissen besser Wissenschafter, Forscher, Dichter, Verfasser, Verwalter, Manager, Redner, Ökonom, Landwirt, Braumeister, Gastronom und, und, und werden, wenn nicht als Mitglied eines Klosterordens? Wie anders konnte eine junge Frau der Last und Bürde des Mutterseins und der Fron im familieneigenen Haushalt entrinnen und eben solche und ebenso viele Berufe ausüben wie die Männer? Und das alles in gesellschaftlicher Hochachtung und politischer Immunität!

Einfach sich selbst sein, aber nicht allein. Monazein. Kein Raffen und Sich-Sorgen. Keine Partnerprobleme. Keine Plage mit den Bälgern. Keine Krämpfe um das Erbe. Das Prinzip Armut (=Besitzlosigkeit, folglich auch Erblosigkeit) und Ehelosigkeit (keine Rechtsansprüche aus einer geschlechtlichen Verbindung) waren ein leichter Preis für alle oben genannten Vorteile. Man kam ja aus dem Höllenkreislauf von Sex, Macht, Geld und Erbe und man wollte nichts sehnlicher, als diesem zu entrinnen.

Die Frage ist, warum ist das Klosterleben in Europa um 2020 herum klinisch tot? In meinem Heimatort Lana an der Etsch gibt es das Kapuzinerkloster schon seit 10 Jahren nicht mehr. Das Frauenkloster Lanegg hat noch zwei Schwestern und bald keine mehr. Im riesigen Deutschordenshaus leben noch eine Handvoll Männer. Niemand will mehr Schwester oder Bruder werden.

Die Antwort auf diese Frage ist eine mehrfache, aber sie ist nicht zu schwierig zu geben. Erstens: Die Entdeckung Amerikas um 1500 brachte einen riesigen, neuen Freiraum (in des Wortes eigentlicher Bedeutung) sowohl für weichende Erben oder für Emanzipationsfreudige, ebenso wie für Aussteiger aller Art – und Amerika brachte die Syphilis, die das Ende des unbeschwerten Sexlebens auch in den Klöstern bedeutete. Die Vorbeuge-Hygiene gegen die Lustseuche führte (in der ganzen Kirche) zu einer eisernen Sexualmoral der Enthaltung, die, je länger die Zeit ging und je starrer das System wurde, von immer weniger jungen Leuten angenommen und gelebt werden konnte. Zweitens: Angeschoben duch die Entvölkerung Europas durch kleine Eiszeit und Pest konnte sich – ebenfalls um 1500 – der Familiengedanke als Hort der Fortpflanzung neu positionieren. Martin Luthers Protestantismus lieferte das Modell und den Segen dazu, J.J. Rousseau die Sehnsucht, die Romantik den schönen Schein. In den Weiten des Wilden Westens der USA gewann dann dieses Modell der „trauten“ Kernfamilie buchstäblich an Boden (mit der Kraft der Kleinfamilie wurden die USA neu und weiß besiedelt).

Zuletzt schwemmten die Sieger des Ersten und des Zweiten Weltkrieges auch ihren Liebeslebensstil nach Europa. Der industrielle Wohlstand tat sein Übriges hinzu. Seither ist, zusammen mit Jeans, Popmusik und Coca-Cola, die Formel „Liebe + Mann / Frau + Kind + Heim“ das herrschende Lebensmodell.

Doch auch dieses Gegenmodell zum Klosterleben, das in den letzten 100 Jahren alle Nachwachsenden absorbierte und die Klöster leerfegte, zeigt deutliche Risse, ja Zerfallserscheinungen. Das liegt an einem Geburtsfehler Made in USA.

Man stelle sich eine Farm oder Ranch im mittleren Westen vor. Das Fortkommen liegt in den Händen der Kernfamilie. Bis zum nächsten Nachbar sind es drei Meilen, zur nächsten Stadt sind es zehn. Das Überleben liegt im unverbrüchlichen Zusammenhalt von Mann und Frau, 24/7, Sex inklusive. Fremdgehen, weil auch räumlich, bedeutet das Todesurteil für die Farm. Also ist Fremdgehen die Todsünde und der alles rechtfertigende Grund, die Ehe und somit die gemeinsame „Firma“ aufzulösen und wenn möglich irgendwoanders mit irgendwem Neues noch einmal zu gründen.

Genau dieses Modell wurde nach Europa (zurück-) gebracht und ist die Grundlage des heutigen Familien- und Scheidungsrechts. Nichts ist Uneuropäischer als das.

Denn so wie das Klosterleben hat sich in Europa auch das Eheleben als eine pragmatische und sinnvolle Institution für alle Beteiligten entwickelt. Die Ehe im klassischen Europa war ganz klar ein Vertrag zur Zeugung und Aufzucht von Kindern mit Zusammenlegung und Bewirtschaftung des Vermögens von Mann und Frau „bis dass der Tod Euch scheidet“.

In diesem Vertrag war nicht die Rede von Exklusivrechten für Gefühle oder Sex, wie das seit 1945 die amerikanische Ehe vorgaukelt (sollten wir sagen Hollywood?). Im Gegenteil: Einen Geliebten oder eine Geliebte zu haben, eine „Seelenverwandtschaft“ oder sonstigen triebhaften Umgang, je nach Geschmack, Stand und Vermögen – das tangierte die europäische Ehe nicht, solange die Vertragsinhalte der Ehe – also Kindererziehung und Wohlstandswahrung – irgendwie erfüllt wurden. Sonst wäre das „bis dass der Tod Euch scheidet“ wohl nie halbwegs erträglich und machbar erschienen.

Nun, die heutige europäische Kleinfamilie nach dem mit Millionen Popsongs angebeteten USA-Modell von „Love“ ist im Begriff zu scheitern, weil sie das Monopol auf „Liebe“ beansprucht. Wobei hier nicht die weite große Liebe im abendländisch-europäischen Sinn, sondern die auf die Verliebtheit und die auf die geile Lust reduzierte „Liebe“ gemeint ist. Bei Backfischen und jungen Werthers mag das ja noch angehen. Aber es sind die Alten, die ewig jung sein wollen. Die Anhänger dieses Wahns sprechen gerne von „Schmetterlingen im Bauch“ und davon, dass sie sich „entliebt“ hätten, wenn sie plötzlich alles über den Haufen werfen, was ein gemeinsames Leben in einer Familie ausmachte. Und weil das bürgerliche Gesetz dieses Vorgehen stützt, wurde die Scheidung für einen Teil, nämlich die Frau irgendwann einmal auch ein Geschäftsmodell.

Des einen, ewigen Mannes überdrüssig? Vom „ehelichen“ Leben gelangweilt? Nichts leichter als das! Also, ein Neuer muss her und die Scheidung. Der Alte muss aus der gemeinsam erworbenen Wohnung weichen, muss aber dennoch Unterhalt für Kinder und Frau zahlen. Dafür zieht der Neue in die alte Wohnung an und sponsert ebenfalls. Was will Frauchen mehr? Doch meistens dauert dieses „Glück“ nicht lang – vielleicht ein bißchen länger als der „Tanz der Hormone“ aber nicht allzu. Dann kehren alte Muster zurück. Aber weil ein neues nächstes Mal kein Entrinnen aus dem Hamsterrad verspricht, dauert es diesmal, rein praktisch, doch etwas länger. Und das alte europäische Modell vom Geliebten nebenbei gewinnt zusehends Anhänger. Mühsam bleibt es allemal.

Nun hat das amerikanische Modell viele Verlierer erzeugt – Gerupfte, Enttäuschte, Verzweifelte (die vielen Tötungen) und Gar-nicht-anfangen-Wollende, dass es praktisch beim Kippen ist. Ohne Idee, was denn eine Alternative oder ein kreativer Neuansatz wäre, ein großer Wurf, wie ihn Benedictus vor 1500 Jahren gefunden hat.

Das erste Praktische, was man tun müsste, wäre sicher, ein Wohngemeinschafts-Modell für geschiedene Männer zu experimentieren. Dazu ein andermal.

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Dr.phil. Georg Dekas

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