Kritik | Morde und Medien

Foto © dege
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In den Medien gibt es Morde, die gespielt die Bildschirme fluten und Morde, die aus der Wirklichkeit kommen. Beide zusammen ergeben eine geschaute Orgie des Tötens und der Gewalt, in der sich Fiktion und Realität vermengen.

Die gespielten Tötungen in Krimis, Gewaltfilmen und Videospielen wirken inzwischen so echt, dass man das Gespielte daran schon einmal vergisst. Dennoch  juckt das anscheinend keinen. Im deutschen Raum scheint das öffentlich-rechtliche Fernsehen nur mehr aus Tatort & Co. zu bestehen*).

Gewaltfreies Umfeld, große Erschütterung

Bei den wirklichen Morden sehen die allermeisten nicht einmal die Leichen, sie kennen weder die Angehörigen noch die Triebfeder der Tat. Ihr eigenes Leben ist komplett mordfrei. Doch das Entsetzen, die  Erschütterung der Leute sind echt. Fragen, Vermutungen und Schreckensvorstellungen schießen ins Kraut.

Medien verwischen Fiktion und Realität

Und das alles wird medial groß heraus gespielt. Mit Namen und Fotos, die Hunderte Male gezeigt werden (Privacy war einmal). Bis hin zu dem Punkt, wo eine Lokalzeitung so daneben greift, einen wirklichen Doppelmord in Bozen, der die Seiten aller Medien wochenlang, bunt und penetrant erfüllt, als „Bozner Krimi“ zu bezeichnen – nach dem Fernsehkrimi, der mit Südtiroler Werbegeld gesponsert ist. Die Wirklichkeit wird zur kollektiven Fiktion.

Das Weltgefälle beim Morden

Morde erschüttern. Umso mehr, je gewaltfreier das Umfeld ist**). In Venezuela, dem Land mit der höchsten Tötungsrate der Welt, wird die monatelange Ermittlung in einem Mordfall mit jedem erdenklichen Aufwand zusammen einer unersättlich neugierigen Berichterstattung wohl eher die Ausnahme sein. In Europa, wo weltweit heute real so wenig  wie noch nie vorher in der Geschichte gemordet wird***), löst jeder reale Mord eine mediale Welle der Erschütterung aus.

Morde spiegeln die Klassengesellschaft

Allerdings nicht immer die gleich große. Je bürgerlicher und familiärer das Umfeld, desto größer ist das Entsetzen, die Erschütterung, die Trauer und das Mitgefühl. Der Mord an einem Obdachlosen in Paris oder der gewaltsame Tod eines  arabischen Clan-Gangsters in Berlin oder ein Mord im Milieu von afrikanischen Einwanderern in Süditalien bekommen selten jene Aufmerksamkeit der Medien, die den Beziehungstaten in den Familien gewiss ist.

Frauenmord neue Gattung? 

Weil Beziehungen und Familien ohne Frauen nichts sind, bekommen Frauenmorde die allergrößte Anteilnahme. Leider auch die des so genannten „Haltungsjournalismus“. Nur Frauenmorde lösen in westlichen Medien pünktlich politische Kommentare ohne jeden Vorbehalt aus. Da die Täterschaft, wie in den meisten Mordfällen weltweit und überhaupt, männlich ist, löst der gewaltsame Tod einer Frau durch die Hand eines Mannes eine feministische Gedanken-Schablone aus. Frauenmord wird zu einem Verbrechen sui generis erklärt, ein in allerhöchstem Maß verabscheuungswürdiges Verbrechen.

Der „Femizid“, eine ideologische Attrappe

Die Ursache von und die Schuld an Frauenmorden würden beim Mann als Mann liegen – bedingt durch die Triebhaftigkeit, die Besitz- und Herrschsucht des „Männchens“ der Gattung Homo Sapiens. Der „Femizid“ müsse aufhören, fordern die Kommentare mit diesem Erklärungsmuster. Mord abschaffen durch die Umerziehung der Männer? Kastration und Todesstrafe entfallen aus Gründen der politischen Korrektheit. Wie die Umerziehung sonst noch vonstatten gehen soll, das bleibt im Ungewissen. Dass Mann als Mann sich schlecht fühlt, das soll vorerst genügen. Damit entpuppt sich das politische Entsetzen über Frauenmorde als ideologische Attrappe, als eine Vogelscheuche, die keinen einzigen Raben abhalten kann.

Morde lassen sich nicht abschaffen

Für Nicht-Feministen ist klar: So wie der Kauf und Verkauf sexueller Leistungen nicht abgeschafft oder ausgerottet werden kann, so wird es auch nicht gelingen, Männer derart zu entmännlichen, dass Frauenmorde einfach aufhören. Selbst die ganz gewöhnlich Mann-zu-Mann-Mörder konnten seit Einführung der Gefängnisstrafe statt der Todesstrafe noch nie umerzogen, sondern höchstens aus dem Verkehr gezogen werden.

Mord als Überdruckventil der „Über-Ich-Gesellschaft“

Inzwischen dürfen sich die Gestalter von Politik und Medien die Frage stellen, inwieweit die ungehemmte Todeslust im Geschauten in Verbindung mit der strengsten Ächtung von Gewalt im Alltag unserer  „Über-Ich-Gesellschaft“ nicht eben genau zu der Art von Mordtat führen, die wir so wortreich beklagen. Fast jeder von uns könnte leicht selber Opfer oder Täter werden, wenn aufbricht, was dem unsichtbaren Überdruck nicht mehr standhält.

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Fußnoten:

*) Eine ausgezeichnete, sehr frische und umfassende Darstellung der Sache mit den Fernseh-Toten liefert Christian Schüle im Deutschlandfunk. („Über Mord und Tod im Fernsehen
All die schönen Toten“)

**) Um das Verhältnis zwischen Tat (fiktional oder real) und Echo (Gleichgültigkeit oder Entsetzen) etwas in die Waage zu bringen, sei an ein paar Eckdaten erinnert, die frei auf Wikipedia zugänglich sind.   Die UN-ODC (Wien) verzeichnet 2012 weltweit 437.000 Morde (vorsätzliche Tötungen). Die weltweite Tötungsrate beträgt 6,2 pro 100.000 Einwohner. 36 % in Nord-, Mittel- und Südamerika (Rate 16,3), 31 % auf Afrika (Rate 12,5), 28 % auf Asien (Rate 2,9) und 5 % auf Europa (Rate 3,0) sowie 0,3 % auf Ozeanien (Rate 3,0). Der Anteil der männlichen Opfer beträgt 79 %. Fast die Hälfte der Opfer sind im Altersbereich von 15 bis 29 Jahren.

***) 2003 berechnete der Cambridge-Professor Manuel Eisner die historische Mord-Rate für Europa. In Wikipedia erscheint nachstehende Grafik dazu. Demnach war das Italien der Renaissance und das Italien des Risorgimento das heißeste Mordpflaster Europas. Die Morde im Jahr 2000 sind dagegen ein „Nichts“. 

 

 

 

 

 

 

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