Alarm| Freie Meinung ist nie Fake News

Eine freie Meinung ist richtig oder falsch und sonst nichts. Foto: Wetterhahn beim Onkel Taa von G.J. Dekas (c) 2012
Eine freie Meinung ist richtig oder falsch und sonst nichts. Foto: Wetterhahn beim Onkel Taa von G.J. Dekas (c) 2012

In unserem kleinen Land Südtirol ist die Aufregung groß. Eine Handvoll Weißkittel (Ärzte, Apotheker, Heilpraktiker) unterstreichen in einem privaten, digital verbreiteten Video angeblich die Wichtigkeit, zur Abwehr von Corona-Viren die natürlichen Abwehrkräfte zu stärken und im Falle des Sars-CoV2 Virus nicht (allein) auf eine Impfung mit den neuen, eiligst entwickelten Stoffen zu vertrauen.

  • Die Gesundheitsbehörde Südtirols („Südtiroler Sanitätsbetrieb“) will darin gefährliche „Fake-News“ entdeckt haben und stellt strafrechtliche Anzeige gegen diese Leute wegen „Alarms“.
  • Der „Chef-Immunologe“ des Landes verdammt das Video mit Worten, die mehr an die heilige Inquisition erinnern als an Wissenschaft.
  • Funk und Blätter unterstützen den Gesundheitsmonopolisten in seinem Strafansuchen. Den Sprechern des Videos droht Berufsverbot.

Das Druck-Leitmedium „Dolomiten“ verspürt im Titelblatt-Aufmacher vom 3. März 2021 „ungläubiges Kopfschütteln und beklemmende Bestürzung“ über das Video und zeigt dazu groß das Wort FAKE-NEWS im Symbol-Bild. Auf einer ganzen Seite dieser Ausgabe, die ausschließlich dem Angriff auf die Freidenker gewidmet ist, werden diese unter der Überschrift „Diese 11 Köpfe säen die Impfzweifel“ an den Pranger gestellt. Selbstredend gibt es keinen Hinweis, wo man dieses Video ansehen könnte, um sich eine eigene Meinung bilden zu können.

Zunächst ist festzustellen, dass die empörten Angreifer (Sanitätsbetrieb und interessierte Medien) entweder keinen klaren Begriff von „Fake News“ haben oder diesen bewusst manipulativ verwenden. Eine freie und korrekt vorgebrachte Meinung in den „sozialen Medien“ als Fake-News zu klassifizieren ist genauso unsinnig und unfair, als wenn jemand einen Arzt, z.B. im staatlichen Gesundheitsdienst, der „Fake“-Nachricht bezichtigt, weil er eine Diagnose gestellt und mitgeteilt hat, die sich nach weiteren Untersuchungen als falsch erweist – was vorkommen soll.

Nein, der Begriff „Fake News“ ist gehört in den Journalismus und sollte dort auch bleiben. Er ist nur auf ausgewiesene Medien anzuwenden, deren selbst- und vom Gesetz auferlegte Pflicht es ist, nüchtern über Tatsachen, Aussagen und Ereignisse zu berichten. Wer als eingetragenes oder auf Glaubwürdigkeit bedachtes Medium dieses oberste Gebot des Journalismus verletzt, z.B. durch die bewußte Stimmungsmache innerhalb eines Berichts, durch das gewollte Auslassen von tatsächlichen Informationen, durch welche die Empfänger ein besseres, ja anderes Bild von der tatsächlichen Lage bekämen, oder durch arglistig beschnittene Aussagen und vieler anderer Tricks, der erzeugt „Fake News“.

Eine private Meinung ist jedoch nie und nimmer eine journalistische Meldung – auch dann nicht, wenn sie jeder hören könnte. Ein privater Multiplikationskanal wie Facebook ist weder eine Zeitung, noch ein Sender, noch eine Behörde. Er gehört zu den „Social Media“ die so heißen, um den Unterschied zu den „News Media“ (englischer Sammelbegriff „Press“) zu kennzeichnen. Social Media transportieren Medien und Meinungen mit beschränkter Haftung (erst langsam bilden sich neue Standards heraus, denen dieser Transport genügen müsste). News Media hingegen erzeugen und verbreiten Nachrichten und Meinungen in voller Haftung. Wenn diese die eigenen Standards an Wahrhaftigkeit unterlaufen, ja, dann schon gibt es „Fake News“ – und nur dann.

Wäre es anders, dann dürften die Leute bald überhaupt nichts mehr laut denken und sagen – außer im eigenen Kämmerlein – denn jeder einzelne weiß immer zu wenig von dem, was bei anderen Sache ist.

Nicht umsonst hat die Erfahrung mit Gewaltherrschaften und Bürgerkriegen zu Staatsverfassungen geführt, die des Bürgers freie Meinung in jedem technisch erdenklichen „Medium“ als Grundrecht erlauben und schützen.

Daneben gibt es noch die Klasse von bewusst „gedrehter“ Information, wie wir sie alle täglich von der kommerziellen Werbung, von der Politik und der Statistik in ihrem Dienst, vom Staat, im Krieg und von Behörden und Verbänden je nach Staatsräson und Interessenlage vorgestellt bekommen.

Auch auf diesem Streitfeld beschuldigt man sich gegenseitig der „Fake News“ – selbst für geschulte Leute nicht immer leicht zu durchschauen. Aber Kommerz und Politik sind nicht der Wahrheit verpflichtet, sondern ihren Interessen. Dennoch bleibt wahr, dass Lügen kurze Beine haben. Das gilt für Staats- und Konzernlügen genauso wie für private und freie Meinungsäußerungen. Die einen schaffen eine längere, die anderen eine kürzere Strecke.

Anstatt des Kesseltreibens auf ein paar – möglicherweise auch unrichtige Aussagen, die sicher nicht in böser Absicht getätigt wurden – sollten die anklagenden und dem sauberen Journalismus verpflichteten Medien Gewissenserforschung betreiben.

Nehmen wir als Beispiel gerade die „ungläubig kopfschüttelnde“ Tageszeitung „Dolomiten“ her. In der selben Ausgabe („Dolomiten“ am Mittwoch, den 3. März 2021 auf Seite 12) titelt das Blatt rot hinterlegt: „CORONA HAT UNS FEST IM GRIFF“ und darunter in großen Lettern: „304 Tote seit Jahresbeginn –…“ Weiter im Vorspann (Zitatauszug mit Hervorhebung): „Lassen … Inzidenz (unter 400) einerseits Hoffnung aufkommen, gibt der Anstieg der Intensivpatienten auf 43 Anlass zur Sorge. So auch die steigende Anzahl der Corona-Totengestern wurde die Schwelle von 300 zu Jahresbeginn überschritten.

Hier werden doch auch „beklemmende“ Gefühle unter gemeldete Daten eingesponnen, oder nicht? Bei den Todesfällen wird durch die Wortwahl „Schwelle überschritten“ suggeriert, dass Leute über das übliche Maß hinaus sterben. Die amtliche Statistik, zufällig herausgegriffen das Jahr 2017, verzeichnet in Südtirol im Monat Jänner 560 und im Monat Februar 388 Tote, macht Stand 3. März 2017 zusammen 948 Tote. Mit 300 Toten am 3. März 2021 wurde jedenfalls diese Schwelle nicht überschritten.

Vielleicht meint die Zeitung die Schwelle innerhalb einer behördlichen Zählweise bei der neuen Krankheit mit möglicher Todesfolge („an bzw. mit Covid-19“)? Doch auch Journalisten wissen, dass es nur behelfsmäßige statistische Referenzwerte sind, so dass das Wort „steigend“ im Sachbereich relativ ist, im Gefühlsbereich dagegen eindeutig negativ einschlägt. Zweitens: Bei 43 Intensivpatienten die Begriffe „Anstieg“ und „Sorge“ verwenden in einem Land mit medizinisch exzellenter Versorgung heißt nichts anderes, als 43 Schwerkranke bei tausenden von anderen Schwerkranken zu einer Bedrohung für das extrem gut ausgebaute Spital-System hochzuschrauben.

Allein schon dieser kleine Ausschnitt aus einer einzigen und durchaus seriösen Lokalzeitung ist unterm Strich grob verunsichernd und Angst erzeugend. Von Verlautbarungen sonstwo ganz zu schweigen.

Kurzum sind interessengeleitete, emotional gedrehte „Meldungen“ oft gefährlicher in ihren Schadwirkungen auf die Menschen als Meinungen, die unbeleidigend dargebracht, so offen sind, dass eine Feststellung des Wahrheits- oder Tatsachengehalts ganz ohne Empörung und Entsetzen möglich ist.

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Dr.phil. Georg Dekas

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