Sonntag | Was ist Kirche?

Votivtafeln und Kirchenalarm in Riffian Bild (c) G.J. Dekas 2014
Votivtafeln und Kirchenalarm in Riffian Bild (c) G.J. Dekas 2014

In seinem ausgezeichnet geschriebenen Blog stellt Lukas Steinwandter eine steile These auf: „Die katholische Kirche ist traditionell – oder sie ist gar nicht.“ Na, dann eben gar nicht, antwortet der Zeitgeist in seiner überheblichen Gleichgültigkeit. Wollen wir es wirklich darauf ankommen lassen?

Wollen wir doch zuerst die Kirche so sehen, wie sie sich uns im wirklichen Leben zeigt. Da ist einmal der Kirchturm als weithin sichtbarer Zeiger und Landmarke, dann sein für alle hörbares Glockengeläut, das den Tag und die Woche einteilt. Dann der Gottesacker rund um das Kirchenschiff, in dem unsere Lieben ruhen. Wer fände dort nicht Trost, aber auch so viele unbeantwortete Fragen? Wer spürte nicht die Würde eines Begräbnisses, wer im festlich geschmückten Schiff selbst nicht die Hochgefühle einer Trauung, die Freude bei einer Taufe, das sich erhebende Herz bei Messen von Bach, Mozart, Schubert? Oder die heilsame Einkehr in der Fastenzeit, die kindliche Rührung zu Weihnachten, Reue, Mitleiden und Erlösung zu Ostern?

Wir neigen dazu, unsere Empfindungen als etwas Selbstgemachtes, Privates zu behandeln, und übersehen dabei, dass unsere wertvollsten und tiefsten Gefühle uns nicht allein gehören. Wir wollen sie teilen, aber auch halten, bewahren, feiern, ihnen ein festes Gefäß bereiten, denn sie sind flüchtig wie der Hauch am Morgen. Das Gefäß muss gefertigt werden, es muss da sein, und es ist kostbar. Die Schatztruhe der Hoffnungen kann nicht von einzelnen, einsamen, enttäuschten Menschlein gebaut und zusammengehalten werden, sondern nur von den Vielen, in ständiger Fürsorge und Bitte, in bewahrender Erneuerung, mit Blick auf die Ewigkeit. Das ist Kirche.

Niemand muss gelehrt sein, um gerettet zu werden. Kirche, das ist die Taufe deiner Tochter, der Ministrantenausflug meiner Söhne, die Wallfahrt mit den lieben Landsleuten, das Kirchweihfest im Ort, die prächtige Prozession im Sommer, das Orgelkonzert am Feiertag, die Gedächtnismesse für Oma und Opa, das Blumenwässern am Grab. Wenn genügend Leute herum sind, die all das und noch mehr am Laufen halten (Pfarrer sind Schwerarbeiter), dann haben wir allen Grund, Gott zu danken. Wir alle sollten das Gotteszuliebe-Werk der Menschen schätzen und hoch in Ehren halten, mag es noch so unscheinbar sein, noch so unvollkommen, ja fehlerhaft erscheinen. Wichtig ist das Gefäß, und dass dieses über die Zeiten hält und beschützt wird. Ob für dieses Amt verheiratete oder ledige geweihte Menschen antreten, das richtet die Vorsehung. Noch so spitze Begründungen aus Schriften und Büchern bewegen wenig.

Und weil ich laut Freund Lukas daneben liege, wolle er mir nachsehen, dass ich noch drei Gedanken anhänge.

Paradox: Die daneben sind, treffen öfter. (Als Außenseiter ist Zielen leichter als inmitten der Menge.)

Ironie 1 – Eines Pastors Sohn, der „Kirchengarten“ (Kierkegaard) heißt, was Friedhof bedeutet, nennt sein großes Denkwerk „Antingen Eller“, „Entweder Oder“. Angesichts der Gräber in allen „Kirchengärten“ ist das nicht wirklich die Frage, oder?

„Kirche ist entweder oder ist nicht“ klingt ein bissl wie „Antingen Eller“. Das nordische Denken hat das Entweder-Oder-Schema leider viel zu gerne. Deutschland hat zwei Weltkriege darüber verloren. Die Römer, nach denen die Kirche geworden ist und heißt, die denken da viel weniger streng, weit großherziger und vor allem von Fall zu Fall (deswegen gibt es die Beichte). Was die römische  Kirche immer für sich haben wird: Der reiche Erfahrungsschatz, den sie aus allen – von den kleinsten bis zu den größten – menschlichen Irrtümern gewonnen hat und den sie in ihrer glanzvollen Truhe aufbewahrt. Diesen Schatz geben wir nicht ohne Weiteres her – und schon gar nicht aus reiner Halsstarrigkeit.

Ironie 2 – Ein genialer Mathematiker, der Cartesius heißt, was an Kartenhaus erinnert, will auf dem Papier die Existenz Gottes beweisen („more geometrico“) – und scheitert. Am Ende meint er: Gebt Euch mit dem Bekenntnis zufrieden, in das ihr hineingeboren seid und das bei Euch Brauch ist. Dann findet ihr zu Gott und zum Ausgang aus jedem Dickicht auf jeden Fall schneller, als wenn ihr einmal dieses und ein andermal jenes versucht. Diese Logik vermag René Descartes zu beweisen, mit Hilfe von Rechteck und Diagonale. Demnach hat die konservative Sicht eines Lukas Steinwandter „more geometrico“ mehr für sich als die bunten Rund-um-den-Zeitgeist-Tänzer mit ihren bizarren Moden. Doch es ist stark anzunehmen, dass auch ein Herr und eine Frau Pfarrer die einfache Formel für den Weg aus einer Notlage zu befolgen vermögen.

***
P.S. Privatissime: Meinen ersten Besuch einer Hl. Messe nach Tridentinischem Ritus verdanke ich Enea Capisani, der mich 2014 nach Gratsch bei Meran geführt hat.

 

Die
Dekas
Seite

 Webseite von

Dr.phil. Georg Dekas

georg@dekas.it