D | Der vergessene Geburtstag

Gemälde von Anton von Werner: Die Kaiser-Proklamation in Versailles 1871
Gemälde von Anton von Werner: Die Kaiser-Proklamation in Versailles 1871

Spiegelsaal von Versailles, 18. Jänner 1871. Die siegreichen Preußen rufen mitten im Krieg gegen Frankreich das „Deutsche Reich“ aus. Schauplatz ist der Spiegelsaal von Schloss Versailles, dem Werk von Sonnenkönig Louis XIV, dessen Sager „Der Staat bin ich“ den Ruhm und das Selbstverständnis Frankreichs widerspiegelt.

Ein Junker macht Staat

Jetzt bin der Staat ich, mochte der kräftige Baumeister des deutschen Reiches, der preußische Junker und Königliche Kanzler Otto von Bismarck gedacht haben, als er, umgeben von Offizieren, Fahnen und dem Hause Hohenzollern, die eilig einberufene und dennoch erhabene Feier zur Auferstehung des von ihm geschaffenen neuen politischen Lebewesens genoß. 

Die Kunst des Unmöglichen

Frankreich war geschlagen und Deutschland wieder einmal auferstanden. Kein „Heiliges Römisches“ mehr von Habsburgs Gnaden, sondern ein Reich allein „Deutscher Nation“. Wenn Politik die Kunst des Möglichen ist, dann hatte Otto von Bismarck das Mögliche ganz und das Unmögliche halb geschafft. Dem österreichischen Kaiserhaus, das sich in der Mitte des Jahrhunderts gegen eine einzige große Nation Deutschland entschieden hatte (entscheiden musste), hatte Bismarck ordentlich die Flügel gestutzt.

Die preußische Zange

Niemals verzeihen können wir deutschen Südländer dem nordischen Bismarck, dass er den Sieg gegen Österreich 1866 zuwege brachte, indem er die gierigen Piemonteser zum Sturm auf den Süden des Kaisertums Österreich bewegte und die Heere der Habsburger auf diese Weise in die Zange nahm. Kurze Formel: Ohne Bismarck kein Königreich Italien. Ohne Königreich Italien keine Zerreißung Tirols.

Der Teppich fliegt

Abgesehen von diesem äußerst schmerzlichen Dorn im Fleisch kann man Bismarcks Leistung nicht hoch genug schätzen und würdigen. Oder kennt man noch einen anderen, der Bayern, Sachsen, Preußen, Rheinländer und den ganzen Rest kunstvoll in den Sack steckt und in wenigen Jahren aus einem Flickenteppich einen modernen Staat macht? Einen fliegenden Teppich sozusagen, der so fortschrittlich und so wirkmächtig ist, dass gegen Ende einer schönen Epoche der Errungenschaften, Rekorde und Superlative das Gift des Größenwahns und das der Neider es schaffen, den Überflieger jäh zum Absturz zu bringen.

Die Bundesrepublik schweigt

Die Bundesrepublikaner schweigen zum 150. Geburtstag des Deutschen Reiches von Bismarcks Mühen.  Für den Bundespräsidenten kommt der Jahrtag „ungelegen“. Die Kanzlerin hat zu tun. Die deutschen Zeitungen sind wort- und bildlos. Die wenigen, die das Fähnlein schwenken, gelten als politisch inkorrekt. Das amtliche Deutschland findet, Bismarck, die Preußischen Militärs und ihr Hohenzollernkaiser seien die Vorläufer des Dritten Reiches gewesen. Wie falsch und wie kleingeistig das doch ist.

Undank ist der Welten Lohn

Selbst wenn dem so wäre, so hätte sich Otto von Bismarck allein mit der politischen Flurbereinigung weiter Teile Deutschlands und mit der Einrichtung des modernen Wohlfahrtstaates im Deutschen Reich ein dankbares und ewiges Erinnern verdient. Aber Dank ist nicht der Welten Lohn. Das musste Bismarck schon zu Lebzeiten erfahren, als „der Lotse von Bord“ gehen mußte. Der junge Kaiser Wilhelm glaubte, allein voranzukommen auf dem hohen Ross und gegen alle Mächte der Welt. Dann fiel er in den Graben. Es fraßen ihn die Raben. 

Wer seine Ahnen nicht ehrt, ist das Gute nicht wert

Wer heute von der Höhe der Eurofestung Deutschland aus verächtlich auf die Scherben der Vergangenheit schaut und kein Wort der Würdigung für Preußen findet, der sollte bedenken, dass die spätwilhelminische Hybris vielleicht schon wieder in Berlin zuhause ist. Sie wird ob ihrer umgekehrten Vorzeichen nur nicht als solche wahrgenommen. Allein schon die Sprache verrät viel. Zwar heißt es nicht mehr: Wir siegen über alles! Aber  doch: Wir schaffen das Unmögliche. Es heißt nicht mehr: Wir sind die Besten! Aber: Wir wollen die Besten der Guten sein! In der Politik um jeden Preis Primus  sein zu wollen ist verrückt. Die Welt ist kein Gymnasium und dreht sich nicht nach dem Zeigefinger von Erziehern. Deutschland ist im Jahr 2020 wieder einmal Kartenhaus. Diesmal aufbauend auf zusehends unerfüllbare Wünsche ans Gute, voll der Selbstzerknirschung und dem gewaltigen Bemühen, sich als das Gegenteil der bösen Deutschen von einst zu beweisen. 

Kopf hoch, lockert auf, freut euch des Lebens!

Kein Grund zu verzagen. Im Untergrund bewegt sich etwas mächtig. Es wäre für das offizielle Deutschland ziemlich heilsam, wieder die Bücher von vor August 1914 aufzuschlagen und vorurteilslos zu lesen: Sich endlich zum normalen Heimatstolz aufraffen, den die anderen Nationen Europas, trotz der Blutlachen, die sie alle hinterlassen haben, mit sonnigem Gemüt vor sich her tragen. Die Deutschen sind nicht die größten Verbrecher der Welt bis in alle Ewigkeit Amen. Sie haben nicht einmal lebenslänglich bekommen. Kopf hoch, feiert den Tag, als  Deutschland eine moderne Nation wurde! Wir Österreicher in und außerhalb unserer kleinen Alpenrepublik nicken Euch über die Alpen freundlich zu. Wenigstens sind wir, Süd- Mittel- und Norddeutsche, vereint in der Wehmut über das Verlorene und einig in der Hoffnung auf eine gute Zukunft aus eigener Kraft. 

Italien macht es vor

Was den Geburtstag des Staates betrifft, so sollte sich die schwarz-rot-goldene Bundesrepublik ein Beispiel an Italien nehmen, dessen Republik die 150 Jahre Vereinigtes Italien im Jahre 2011 feierte.

Italien im Euro
Italien im Euro

„Alles Tricolore!“ hieß es für den Tag. Die Kunstflugstaffel der Luftwaffe brauste dreifarbig über den „Altare della Patria“ in Rom hinweg und die Menge jubelte. Die großen Blätter erschienen in Sonderausgaben und das Fernsehen sendete nur noch ‚Viva L’Italia‘ in Grün-Weiß-Rot „in tutte le salse“ – in allen Soßen, wie man in diesem gesegneten Land sagt. Italien mag ein Lotterstaat sein, aber wenns um Wurst und Würde geht, schalten sie einfach schneller.

Die
Dekas
Seite

 Webseite von

Dr.phil. Georg Dekas

georg@dekas.it