Corona | Hilft Freiheit oder Zwang?

Barcode 1984 - Kunst-Arbeit im Gymnasium Beda Weber, Meran 2007
Barcode 1984 - Kunst-Arbeit im Gymnasium Beda Weber, Meran 2007

Wir kennen eine wirklich lebensbedrohliche Gefahr, die das Leben von Millionen sofort auslöschen kann, nur zu gut. Es sind die Atomwaffen, die mit roten Knöpfen gestartet werden können. Diese globale Gefahr wird kunstvoll verdrängt, aber sie hängt wie ein Damokles-Schwert über uns allen. Ein Nationen übergreifendes Krisenmanagement ist außer Sicht. In den 75 Jahren Friedenszeit nach WK II hatte die Welt, wie bisher immer, mehr Glück als Verstand.

Weitere Gefahren dieser Klasse und Größenordnung wären ein rasanter Klimawandel in Richtung Gluthitze oder in Richtung Eiszeit, Ausbrüche von großen Vulkanen oder Einschläge von Sternteilen aus dem All. Von diesen Gefahren beschäftigen die Öffentlichkeit gerade die Anzeichen einer Erderwärmung, von der man sagt, sie sei menschengemacht. 

Eine weitere lebensbedrohliche Gefahr in globalen Dimensionen ist die Möglichkeit der unfreiwilligen oder auch der kontrollierten Freisetzung von biologischen oder chemischen Kampfstoffen, von Giften, Gasen, Mikroben. In diese Lade gehört mutmaßlich wohl das neuartige Virus, das als „Covid 19“ dabei ist, die Welt zu erobern.

Bei jeder Gefahr fragt sich der Mensch als erstes, was dagegen zu tun sei. Und meistens findet der Mensch auch ein Gegenmittel oder er passt sein Verhalten an. Bei Lösungen findet eine Güterabwägung statt: Was, wieviel und wen muss ich aufgeben, um zu überleben? Was muss ich lernen? Was muss ich aufwenden? Was muss ich abwehren, unschädlich machen? Wie bringe ich andere dazu, mir auf dem Weg der Lösung zu folgen?

Erkenntnisse ergeben sich bei den meisten lebensbedrohlichen Gefahren aus dem engen Wechselspiel von Beobachtung, Verständigung, Entdeckung, Versuch und Nachahmung unter den Gliedern einer Gesellschaft nach Maßgabe der Opfer und Schäden, die zu beklagen sind. Besondere Erfolge werden „kopiert“ und erlangen schließlich Weltgeltung. Das ist die Geschichte der Zivilisation. Soweit, so tröstlich. 

Allerdings ist das Suchen nach einer Problemlösung und das Einstellen eines Gleichgewichts bei einer noch nie da gewesenen Gefahr auf Weltebene weder etwas Leichtes noch etwas Kurzes. Schon gar nicht etwas, das man dem Zufall oder dem Genuss-Treiben bedenkenloser Zeitgenossen überlassen würde. Andererseits ist eine kollektive Gewaltkur nicht gefeit, in noch größere Irrtümer zu verfallen. Bei Gefahren, die auf Massen zutreffen und unendlich Schaden anrichten können, ist das Zusammenspiel von Gesellschaft und dem Einzelnen besonders wichtig. Ein Zusammenspiel, das unter globalen und technologischen Randbedingungen neu gelernt werden muss.

Der hiesige, bescheidene Appell an die Eigenverantwortung, sich vor dem Covid-19-Virus zu schützen, indem man die Regierungsverordnungen befolgt, einen Mund-Nasen-Schutz trägt, Abstand hält und auf menschliche Nähe und Berührungen verzichtet, ist – als Appell – in diesem Zusammenhang ein Widerspruch an sich – oder um es einfacher zu sagen, ein netter Versuch, sich weichzuzeichnen, solange jemand anderer den harten Job macht. Kurzum, ein harmloser Fall von politischem Schönsprech. 

Denn entweder gilt die Eigenverantwortung, dann ist jeder seines Unglückes Schmied und es werden unbegrenzte Mittel an Lehrgeld gezahlt, sprich Opfer zugestanden, und zwar so lange, bis der „Organismus“ das richtige Verhalten durch Versuch und Irrtum gelernt hat. Das ist keineswegs zynisch, sondern rational gedacht und von der Natur abgeschaut. 

Oder aber es gilt die Eigenverantwortung nicht, dann muss eine höhere, also viele Einzelne umfassende Macht die Zügel und die Verantwortung in die Hand nehmen und befehlen. Die Tugend, die dann vom Einzelnen gefordert ist, ist nicht mehr Verantwortung, sondern Gehorsam. 

Dieser zweite und harte Lösungsansatz zur Beseitigung einer lebensbedrohlichen Gefahr ist bei Menschen sehr beliebt – die Vielen können ihre Last an Verantwortung abwälzen und die Wenigen nehmen sie begeistert auf, weil Macht so süß schmeckt und süchtig macht. Das kann funktionieren, wenn eine Gefahr entschieden bekämpft werden muss und ein Perikles oder ein Churchill zur Stelle sind. Es kann aber auch in die Hose gehen, wenn die Vielen zu spät entdecken, dass sie einem Machtkartell von Wahnsinnigen gehorchen.

Aus diesem Grund haben die alten Römer in Kriegszeiten stets den Senat auf Eis gelegt und einen Feldherrn auf Zeit mit unbegrenzter Befehlsmacht eingestellt. Das Zauberwort lautet „auf Zeit“. Denn in Friedenszeiten funktioniert das Gegenmodell besser, wo dem Einzelnen die Freiheit gelassen wird, über sein eigenes Wohl oder Wehe zu entscheiden. Unter relaxten Bedingungen kommt es in diesem Modell so weit, dass genügend tüchtige Einzelne viel Gutes für die Allgemeinheit tun, und das durchaus aus niederen oder rein ichbezogenen Beweggründen und nicht um des kategorischen Imperatives willen. Die Engländer haben das erkannt und damit die heute gültige westliche Gesellschaft erfunden. Ein Ewigkeitsanspruch erwächst diesem Modell aus 400 Jahren Erfolg freilich nicht. Das Lehrstück von Corona ist just dieses.

Den Chinesen von heute gelingt es, das römische und das englische Modell miteinander zu kombinieren. Sie können altrömisch-diktatorisch streng sein mit ihrer Einheitspartei und ihrem Staatsapparat, und sie können gleichzeitig die Menschlein so ziemlich alles Lebenswichtige tun lassen – nur nichts gegen Zucht und Staat.

Europa hingegen schwebt luftig auf gold-blauer Sternenwolke  und wechselt hin und her zwischen Freiheit und Zwang. An sich nicht schlecht, wenn es nicht von Beidem zu wenig wäre: Die Regierenden dürfen oder trauen sich nicht, so viel Zwang auszuüben, damit das Modell „Alt-Rom“ Erfolg haben könnte; den Bürgern wiederum erlaubt der linksliberale und neohumanistische Überbau der westlichen Gesellschaft von heute nicht so viel an Freiheit bzw. Eigenverantwortung, wie das für die evolutionäre Lösung des Problems nötig wäre.

Der bloße Appell an die Eigenverantwortung als Mittel des Regierens veranschaulicht einen Zwiespalt, den Europa so bald wie möglich überwinden muss, um „im Geschäft“ zu bleiben.

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Dr.phil. Georg Dekas

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