Deutsches Selbstverständnis 2020

Deutschland: Wann wird aus der Kröte endlich wieder ein König? - Bild (c) privat 2020
Deutschland: Wann wird aus der Kröte endlich wieder ein König? - Bild (c) privat 2020

Frank Walter Steinmeier ist das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland. Der sozialdemokratische Politiker ist bei uns in Südtirol bekannt als Urlauber und Bergwanderer, der fast jeden Sommer sein Bildl in der „Dolomiten“ bekommt, seit die frühere Redakteurin und spätere Landesrätin Sabina Kasslatter-Mur vom sozialen Flügel der Südtiroler Volkspartei für ein geselliges Stelldichein mit dem prominenten Urlaubsgast sorgt. Im Corona-Jahr 2020 ließ sich der Südtiroler Landeshauptmann „himself“ diese Ehre nicht nehmen. Pech nur, dass beim Gruppenfoto der beiden Politiker mit lauter hübschen Dirndln die Maske fehlte und der Abstand sowieso. In Social-Media-Tempo landete das Bild in der „Bild“ und die Leute hatten wieder was, um sich das Maul zu zerreißen.

Das Maul werde ich mir nicht zerreißen, aber ein Missvergnügen politischer Art muss ich loswerden. Es ist inzwischen schon die zweite staatstragende Rede Frank Walter Steinmeiers, die in Sack und Asche  daherkommt, aber sich an falscher Stelle selbst lobt und – völlig unwürdig – ein am Boden kriechendes, winselndes, flehendes, unglückliches, verzagtes, gleichwohl überlegen moralisierendes deutsches Selbstverständnis zeigt. Mit einer Geschichtsauffassung, deren Löcher größer sind als im besten Emmentaler Käse. Mit einem intellektuellen Make-up, das an Freudenmädchen erinnert, die ihre berufsbedingte Schminke nicht schlechter auftragen. Schon nach seiner Rede in Yad Vashem zuckte die Feder. Jetzt, nachdem der Präsident mit der Rede zu 30 Jahre Vereinigung der „alten“ mit den  „neuen“ Bundesländern seinen Blick auf die deutsche Geschichte und Gegenwart kundtut, ist es Zeit, öffentlich zu widersprechen.

Das tue ich umso lieber, als ich in Tomas Spahn auf Tichys Einblick eine Kritik ganz nach meinem Geschmack entdeckt habe. Spahns kritische Analyse und seine glänzende Zurechtweisung des Steinmeierschen Denkens bringt das Denken in Gang und ist hoch empfehlenswert – so wie das liberal-konservative Magazin tichyseinblick.de überhaupt.

Rede I – Steinmeier am „Tag der Erinnerung“ im Jänner 2020

Zum 75. Jahrtag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz am 27. Jänner 1945 hat heuer (2020) in Israels Hauptstadt Jerusalem das erste Mal ein deutsches Staatsoberhaupt eine Ansprache gehalten. Der Bundespräsident Frank Walter Steinmeier hat vor aller Welt die deutsche Alleinschuld am Holocaust bekräftigt und überdies die Schuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg mit seinen 50 Millionen Toten.

Zwar umschifft er die Kollektivschuld auf semantischer Ebene geschickt, doch es bleibt Kollektivschuld, so wie der Völkermord an den Juden „das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte“ bleibt. Stalin, Mao, Polpot und Konsorten bedanken sich. Zitat:

„Die Mörder, die Wachleute, die Helfershelfer, die Mitläufer: Sie waren Deutsche. Der industrielle Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden, das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte – es wurde von meinen Landsleuten begangen. Der grausame Krieg, der weit mehr als fünfzig Millionen Menschenleben kosten sollte, er ging von meinem Lande aus. Fünfundsiebzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz stehe ich als deutscher Präsident vor Ihnen allen, beladen mit großer historischer Schuld.“

Damit nicht genug. Der Präsident hat sogar die Lernfähigkeit seines Volkes in Frage gesellt. Wieder sieht er die bösen Geister von damals aus den Löchern kriechen – er spricht von „autoritärem Denken“ in Bezug auf einen Psychotäter, der in Halle einen Mordlauf tat und es auf die jüdische Kirchengemeinde abgesehen hatte, da aber glücklicherweise versagte.

Steinmeier sagt am Ende seiner Rede, die er „aus Respekt vor den Opfern“ nicht auf Deutsch, sondern auf Englisch hält, Deutschland müsse seiner „historische Verantwortung“ gerecht werden. „An ihr sollt ihr uns messen.“

Die Verantwortung wäre: „Wir bekämpfen den Antisemitismus. Wir trotzen dem Gift des Nationalismus. Wir schützen jüdisches Leben. Wir stehen an der Seite Israels.“ So sehr ich diese vier Sätze bejahe, so sehr stört mich der Rest:

Ein deutsches Staatsoberhaupt, das seine Muttersprache quasi verleugnet, die auch die Muttersprache sehr vieler Opfer der sogenannten „Endlösung“ war?

Ein  gebildeter Mann, der sein Volk schuldig spricht für alle Toten zwischen 1933 und 1946? (Bei 50 Millionen sind auch die Hiroshima-Toten dabei )?

Ein Präsident, der seinem Volk den guten Willen und die Lernfähigkeit abspricht?

(Weil unter 80 Millionen Menschen ein paar Dutzend Kriminelle und Mörder sich einen politischen Deckmantel geben, der mal rechtsaußen ist, mal bolschewistisch wie in den 1970er Jahren mit der RAF – und die waren weder minderbegabt noch erratische Einzeltäter)

Wenn ein Mann, der Deutschland und das Deutsche überhaupt repräsentiert, sich so das Hemd zerreißt und sich geißelt und alle anderen im Nationen-Rund geben die feinen Maxen, dann ist etwas faul im Staate Dänemark.

In der Gedenkstätte Yad Vashem gab es in Wahrheit einen religiösen Akt. Es wurde von Steinmeier das ‚Mea Culpa, mea Culpa, mea maxima Culpa‘ rezitiert, vor der ganzen Kirchengemeinschaft ist gleich die Welt – aber ohne dass die in der Kirche vorgesehene Absolution – ‚Ego Te absolvo ab peccatis tuis‘ – überhaupt in Aussicht stünde. Wie soll sich Deutschland da jemals aus seiner Erniedrigung erheben können?

Rede II – Steinmeier zur nationalen Einheit im Oktober 2020

„Die nationale Einheit 1871 wurde erzwungen, mit Eisen und Blut (…) gestützt auf preußische Dominanz, auf Militarismus und Nationalismus (…) Es war ein kurzer Weg von der Gründung des Kaiserreiches bis zur Katastrophe des Ersten Weltkrieges.“

Ich überlasse Herrn Spahn gerne die ausführliche und begründete Kritik an der Weltsicht des obersten Repräsentanten Deutschlands. Nur sollte auch festgestellt werden, dass erstens nationale Einheiten wie etwa die Frankreichs oder Italiens ebenso mit „Eisen und Blut“ erzwungen werden mussten, und das weit schmerzreicher als der preußische Feldzug von 1870; zweitens, dass auf diesen Feldzug eine der längsten Friedensepochen Europas folgte und Deutschland so glänzte wie nie zuvor und kaum danach. Drittens, dass der „Militarismus“ und „Nationalismus“ ein Wesenszug der damaligen Zeit in ganz Europa und der Welt war und Deutschland nicht an diesem Zeitgeist zugrunde gegangen ist, sondern an den Einzelentscheidungen seiner Führungskräfte (in Katastrophe I und in Katastrophe II).

Womit wir beide Reden in ein Band setzen:

A) Das früher böse Deutschland und das heute gute Deutschland sind eine Klitterung ad usum delphini.

B) Schuldig machen sich Einzelmenschen, nicht Kollektive. Verantwortung tragen Einzelne, nicht Kollektive. Alles andere wäre Sippenhaft, die im westlichen Rechtsverständnis kategorisch abgelehnt werden muss. Die Verantwortung vor Gott und für das Recht stirbt nie, aber Schuld muss tilgbar sein und Sühne darf nicht ewig dauern. Auch für Deutschland muss es irgendwann ein Jubeljahr, ein Erlassjahr geben (hebr. שנת היובל shnat hajovel). Und es besteht kein Grund, Deutschland grundsätzlich schlechter darzustellen als andere Völker dieser Welt. Am wenigsten durch Deutsche selbst.

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Dr.phil. Georg Dekas

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