Das Meraner Spiel

Meran - Medien gestern (Fernsehen) und vorgestern (Pfarr-Kirchturm) Bild G.J. Dekas
Meran - Medien gestern (Fernsehen) und vorgestern (Pfarr-Kirchturm) Bild G.J. Dekas

Die politische Lage in Meran ist so unentwirrbar wie der Verkehr dort – ein Paradoxon dieser kleinen und im Grunde leicht überschaubaren Stadt. Die Erbschuld am Verkehrschaos trägt allerdings die italienische Nicht-Stadt-Planung seit 1919. Dass sich nachfolgende Verkehrsstadträte die Zähne ausbeißen, ist nicht ganz deren Schuld. Der Grund für die politische Gemengelage hingegen ist die Patt-Stellung in der deutschen und der italienischen Bürgerschaft (50:50). Beide europäischen Kulturgruppen haben fundamental verschiedene Weltbilder. Lange mussten die deutschen Meraner einen italienischen Bürgermeister erdulden, dann die Italiener einen deutschen Bürgermeister. Bis Paul Rösch Bürgermeister wurde vor fünf Jahren. Ein interethnischer Bürgermeister, selbst bürgerlich eingestellt, aber mit linksgrünem Gefolge. Wie kam es dazu?

SVP setzt alle schachmatt

Als die staatstragende Nachkriegsmacht Democrazia Cristiana (DC) in den 1990ern zertrümmert wurde, erstarkte auf deutscher Seite die SVP in Meran, die italienische Seite lag zersplittert am Boden. Unter der Führung des Schachspielenden, überaus gewitzten Baumeisters Siegfried Unterberger und seines Schwiegersohnes Rechtsanwalt Karl Zeller errang die SVP eine nie dagewesene Macht. Sie eroberte das Bürgermeisteramt und wurde zum „Closed Shop“ der Macher; ein politischer Monopolbetrieb, in dem nur die Freunde der Freunde hochkamen und etwas zu sagen hatten. Das schmeckte nicht nur der politischen Opposition nicht. Auch die gemäßigte bis konservative deutsche Bürgerschaft wurde dieser Klüngel-Wirtschaft langsam aber sicher überdrüssig.

Mit dem Zebra auf die andere Seite

So kam es, dass breite und durchaus honorige Wählerschichten der SVP „ihrem“ Zebra-Streifen-Paul (Rösch) auf die andere Straßenseite hin folgten. Dessen Listenverbindung mit den Grünen war ein Plus, da die Grünen in Meran als deutsch, wertkonservativ und echt umweltschützend empfunden wurden. Sozialpolitisch und ethnisch waren die Meraner Grünen nicht roter und nicht sprachgemischter als die SVP inzwischen auch. Damit klappte der Wechsel von der SVP auf Schwarz-Grün, was als sensationell empfunden wurde.

SVP bleibt die Alte

Obwohl der Rauswurf aus dem Bürgermeistersessel das Edelweiß schmerzte, hielt die SVP in den fünf Jahren der grünen Rösch-Regierung an ihrem alten Schema fest. Kein Wechsel der Honoratioren, weiter Strippenziehen der Zampanos im Hintergrund, Kuhhandel mit den Italienern oberste politische Maxime, und in der eigenen Sammelpartei ein bissl was für jeden. Obwohl sie es durch den unterlegenen Gerhard Gruber hätte lernen können, stellt „die Partei“, wie die SVP ob ihrer früheren Allmacht immer noch genannt wird, im Jahr 2020 noch einmal so einen kühlen und gar nicht volkstümlichen Macher auf. Diesmal heißt er halt nicht Gerhard Gruber, sondern Richard Stampfl. Der langjährige und erfolgreiche Betriebsleiter eines Lebensmittelunternehmens ist ein politisches Greenhorn, dessen die Öffentlichkeit gewahr wird, als seine ersten Äußerungen fallen. Als dieser gegen Ende und Zuspitzung des Wahlkampfes noch dazu „die volle Verantwortung“ für sagenhafte technische Schnitzer seines Teams übernimmt (es wurden Promis als Unterstützer gelistet, die von ihrem „Glück“ nichts wussten), war es um den SVP-Bürgermeister geschehen, noch bevor er das selbst überriss. Doch geschenkt. So ist es gelaufen. Die „deutsche“ SVP muss in Meran abdanken.

Italiener wieder stark

Auf der anderen Seite – nein, nicht beim ethnisch wendigen, schwarz-rot-grünen Rösch – nein, auf der „echten“ Italiener-Seite, steht nun zum ersten Mal wieder seit 25 Jahren eine halbwegs kompakte Koalition mit einem bürgerlich-gemäßigten Anführer. Diese Koalition klopft jetzt mit aller Macht an die Pforte des Meraner Rathauses. Wenn das bürgerliche Element und der wirtschaftsliberale Flügel der Sammelpartei in der Stichwahl am 4. Oktober mit dem Herzen und mit der Brieftasche abstimmen, dann wird der neue Bürgermeister Merans Dario Dal Medico heißen – mit den Fratelli d’Italia im Gepäck. Eine Horrorvorstellung für die politische Konkurrenz, aber auch eine bedauernswerte Tatsache für alle Südtiroler, die auch nach 100 Jahren immer noch 100% Südtiroler sein wollen und nicht bloß im Privaten Deutsch sprechende National-Italiener des Alto Adige.

Paul und Madeleine – Akt I im Dramolett

Nun spielt sich im Vorfeld dieser Stichwahl ein Dramolett ab. Auf linker Seite wird im Agitprop-Portal „salto.bz“ Röschs Verkehrsstadträtin Frau Rohrer der Lorbeerkranz umgehängt, weil es ihr, die vorher noch nie gewählt wurde, gelungen ist, die Tausender-Marke an Vorzugsstimmen zu knacken. Das Propaganda-Schema ist klug. Paul Rösch hatte die unbekannte Frau vor fünf Jahren von außen in die Stadtregierung berufen, um dem Verkehr in der Stadt eine ökologische Kehrtwende zu geben. Die Dame hat sich bei den Autofahrern nicht gerade beliebt gemacht. Heute aber wird Madeleine Rohrer gewissermaßen als Röschs politische Ehefrau wahrgenommen. Das „Ehepartner“-Modell in der Politik ist uns von den amerikanischen Präsidenten und von den Royals dieser Welt bekannt und ins Herz übergegangen, und in Südtirol wären Paul und Madeleine das erste „Paar“ als Anwärter auf einen – wenn auch kleinen – Thron. Und weil jeder noch so linke, noch so coole und hippe Mensch im Grunde auch ein bisschen Spießer ist, wird dieser Zauber die Herzen nicht nur der Röschianer, sondern auch die Leute darüber hinaus erreichen und ergreifen.

Der böse Freund – Akt II im Dramolett

Doch halt! Gefahr in Verzug! Der einflussreiche Karl Freund, Vorsteher des Meraner Sportvereins und Sprecher der SVP im Stadtrat, gibt bekannt, er werde italienisch wählen, also den Dario Dal Medico. Prompt stellt salto.bz. zuerst die SVP-Ex Veronika Stirner und dann den SVP-Oldie Bruno Hosp in sein Schaufenster. Die beiden empören sich über ihren Partei-„Freund“ und meinen, das gehe gar nicht. Wenn die Netzzeitung „salto.bz“ groß aufmacht, dann steckt Strategie dahinter. Auf bürgerlich-deutsch: Da ist was faul. Christoph Franceschini, Divus der Aufdecker-Szene und Hauptakteur bei „salto.bz“ darf es sich nämlich zugutehalten, den früheren SVP-Bürgermeisterkandidaten Gerhard Gruber abgeschossen zu haben. Nachdem ihm dieses Hochgefühl beim Stampfl versagt geblieben ist, läuft ihm nun der Karl Freund über den Weg, der angeblich offen Volk und Partei verrät. CF macht einen Skandal daraus und prompt läuft alles wieder dem „Aufdecker“ hinterher.

Zurück zu den Tatsachen 

Dabei sollten sich Merans Wähler zwei ganz einfache Fragen stellen: Wer predigt seit jeher, dass Sprache und Kultur nichts als „ethnische Käfige“ seien, aus denen es auszubrechen gelte? Ja, die Linke. Von dieser Seite also bitte keine weitere Belehrung. Zweite Frage: Wer „paktelt“ seit jeher mit den „Walschen“? Ja, die „Deutschen“ – und zwar auf allen Ebenen. Von daher spielt es eine untergeordnete Rolle, ob der Meraner Mann an der Spitze für eine Zeitlang Franz heißt oder Francesco, Rösch oder Dal Medico.

Was ist neu, um was geht es am 4. Oktober?

Das Neue, um das es geht, ist Folgendes: Die deutsche Volkstumspolitik kann nicht ewig in der Geiselhaft der Linken bleiben, nur weil die linken Italiener (zugegeben) in der Regel netter sind, dazu aufgeschlossener, gebildeter und etwas kosmopolitischer eingestellt. Wenn wir als Gesellschaft nicht in den Fängen einer egalitären Bevormundung und im allumfassenden Kollektivstaat auf Kosten aller Produktiven enden wollen, dann werden wir – die deutschen, ladinischen und die italienischen Südtiroler und auch die SVP – einfach (wieder) lernen müssen, die politischen Giftkröten am ganz rechten Fratelli-Rand nicht zu schlucken, pfui Deibel, aber anzugehen und in Schach zu halten. Wenn wir vor diesem Schritt Angst haben und uns in die Kuschelecke flüchten, dann machen wir letztlich deren Spiel und nicht unseres.

Georg Dekas

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Dr.phil. Georg Dekas

georg@dekas.it