Gegacker in Krähwinkel

Bildquelle: "Die Zeit"
Bildquelle: "Die Zeit"

Es wird gerade stark über Meinungsfreiheit geredet und geschrieben. Da geht ein tiefer Graben durch das Land. Ganz gleich, wie die Standpunkte ausfallen und wie ungleich sie verteilt sind, eines haben die Verfechter der freien und der vorteilsgeleiteten Rede gemeinsam: Immer heftiger gleiten beide in das ab, was man früher, in vorkorrekten Zeiten, das Gezeter von Marktleuten oder Waschweibern nannte. Gemeint ist das Über-Einander-Herfallen mit grellen, giftig-geilen Worten, die aus der innersten Schale des Kleinhirns stammen – sozusagen aus dem Reptilienzeitalter des Lebens.

Nicht anders kann man beschreiben, was derzeit in Masse auf den verschiedenen digitalen und auch nicht digitalen Kanälen abläuft. Der kühle Rationalismus Europas scheint dahin zu sein. Dieser besonnene, bewußt auf sinnliche bis gossenhafte Prädikate verzichtende Stil hatte sich unter dem Begriff „Vernunft“ eingestellt – und zwar aus reiner Selbsterhaltung nach den grausamen Religionskriegen und ihren so zerstörerischen Gefühlsverwicklungen. Nun sind diese wieder auf dem Vormarsch. Es ist die Stunde der Waschweiber, Rotzbuben, Eiferer, Prediger und Schausteller.

Zur Schau getragene Gefühle, marktfeile Wertungen und schmeichelnde Liebedienerei, plumpe Anbiederung, hinterlistiges  Schönreden genauso wie Gemeinheit, Wut, Hass, Anwürfe, Falschheit und Speichelleckerei allenthalben – wohin das Ohr hört und wo das Auge liest.

Auf der intellektuell höheren Ebene gipfelt dieses neue Mittelalter der falschen Engel und der richtigen Teufel in einem neuen „Ismus“, einer Ideologie – eine weltliche Konfession oder eine Religion ohne Gott also. Nennen wir diese Ideologie Moralismus. Die großen Denker haben den Ismus schon lange erkannt und maßgeblichere Leute als ich beschreiben seine aktuelle Entwicklung.

Aber unser kleines Südtirol bietet zurzeit Anschauungsunterricht in der Sache. Kleingeistig, aber eben anschaulich. Da befetzen eine Handvoll linker und jungkatholischer Moralisten den Leiter einer katholischen (!) Tageszeitung, weil der sich erdreistet hatte, dem Provinzgouverneur und einem anderen Landtagsabgeordneten in einer Kolumne zuzurufen, beide würden Wasser predigen und Wein trinken. Wie die Redewendung schon sagt, war Gegenstand der Kritik nicht die Tatsache an sich, dass jeder auf seine Weise eine Abweichung von Sagen und Tun bemerken ließ, sondern dass beide allgemein in ihrem Sagen recht moralisierend und belehrend daherkommen. Und dass man von solchen Leuten nicht gerne eines Besseren belehrt werden will, selbst wenn sie das Bessere vertreten.

Man möchte nun meinen, dieser Kommentar sei eine biedere Übung zur Belebung des politischen Wettbewerbs gewesen. Nichts da. Seit der Kommentar (gezeichnet „krah“) erschienen ist, ergießen sich Gift und Galle über den Schreiber. Als sich das Blatt verteidigt und einige Dinge zurecht rückt, bezeichnet dies ein immergrüner Profi-Schreiber und Obertugendwächter von der antikatholischen Konkurrenz als „bitterböse“. Seiner überschaubaren Schar von Jünger*innen wird’s gefallen – die lieben Häme. Doch wie kann man nur die Dinge so verdrehen, fragen sich andere. Und fragen sich nebenbei zurecht, welche Sumpfblüten da mit satt Steuergeld gedüngt werden.

Zeitgleich findet in Bozen ein weiteres Verdrehspiel statt. Vor Gericht müssen sich zwei Männer dem Vorwurf der Verleumdung stellen. Sie hätten Südtirol zu öffentlichkeitswirksam einen zu lockeren Umgang mit synthetischen Pflanzenschutzmitteln (Kampfbegriff „Pestizide“) unterstellt, maulen die Betroffenen. Die Südtiroler Apfelanbauer, die sehr oft auch von der Gastwirtschaft leben, sahen Gefahr für das „Image“ des Gästelandes Südtirol und beschlossen, angeführt von der geldstarken Landespolitik, den beiden „Nestbeschmutzern“ (Zitat) einen Strafprozess anzuhängen. Wie der ausgeht, das wissen (in Italien) nur die Götter. Fast sicher wird das Gerichtsverfahren herzlich wenig zur Hebung des Ansehens des Gastlandes an Ortler und Drei Zinnen beitragen.

Die beiden Angeklagten, anstatt so cool zu bleiben wie bei ihren Anwürfen, echauffieren sich. Ihnen geht der (Geld-)Reiß. Weil sie eine in den Allerwertesten getreten kriegen, sehen sie jetzt nicht nur die Meinungsfreiheit, sondern sogar die Demokratie in Gefahr. Nein, ihr überaus belesenen und elitären Umweltästheten, mit dieser Wortverdrehung kommt ihr genauso wenig durch wie die moralinsauren Kritiker von Krah. Wenn ihr eure Trauben so hoch aufhängt, könnte eines Tages der oberschlaue Fuchs doch wirklich sagen, na, dann lassen wir das eben, das mit der Meinungsfreiheit und das mit der Demokratie gleich mit. Also: Wer so gescheit daher red’t wie ihr, der muss doch zwischen freier Rede und Angemessenheit bzw. Billigkeit der Behauptung zu unterscheiden wissen. Von den Anwandlungen im Klein- oder Stammhirn anderer Verkehrsteilnehmer im großen Strom der Meinungen ganz zu schweigen.

Während in Krähwinkel der klein-kleine Moralismus tobt, breitet sich rundherum der nackte Nihilismus aus – das Gegenteil des Moralismus. Die Gebrüder Bianchi aus den Vororten von Rom und ihr Opfer Willy sind ein grausam schlagendes Beispiel dafür – so wie immer mehr schlagende Zeilen von BILD, einer der besten und größten Volkszeitungen überhaupt, aufschrecken und erschaudern lassen. Zeit, den intellektuellen Moralismus abzurüsten. Zeit, sich einer tragfähigen Moral und einer gemeinschaftsfähigeren Gesittung zu besinnen.   

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Dr.phil. Georg Dekas

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