Politik | „Ins benachbarte Ausland“

Ausgrenzen Bild von tillburmann auf Pixabay
Ausgrenzen Bild von tillburmann auf Pixabay

In der Pressemitteilung des Südtiroler Schützenbundes „Missstände im Gesundheitswesen“ vom Montag, 20. Jänner 2020 steht gleich im Vorspann zu lesen, dass heimische Ärzte und Pfleger „ins benachbarte Ausland“ abwandern (ein weiteres Mal im Text). Diese Worte, ja, diese Einstellung aus Schützenfeder lesen zu müssen, das tut weh.

Messina, Rom, Verona, Bruneck oder Schlanders sind also Inland. München, Wien, Chur, Landeck oder Nauders sind also Ausland. Aus staatlicher Sicht und aus nationalitalienischer Sicht ist das korrekt. Wenn es um Passkontrollen an Grenzen oder um die Anerkennung von Arbeitszeiten oder Studientitel geht – also im polizeilichen und verwaltungstechnischen Bereich – dann mag eine solche Begrifflichkeit auch Ihren Platz haben, in Gottes oder besser Cäsars Namen.

Aber in der angesprochenen Pressemitteilung des Südtiroler Schützenbundes geht es um Politik pur. Also um Haltung, Einstellung, Zugehörigkeit, Partei, Seite, Standpunkt, Wertung. Warum müssen Schützen, die NICHT bei diesem Staat bleiben wollen, sich dessen Sehbrille aufsetzen?

Beleuchten wir die Gefühlsebene: Bei „IN“-Land schwingt immer auch ein Stück „WIR“ mit, bei „AUS“-Land immer auch ein Stück „DIE ANDEREN“. Also „CETEROS“. Auf welchem „Denk“-Mal steht das wohl? Richtig, auf dem „Monumento alla Vittoria“ in Bozen.

Also, gleich ob „Vaterländler“ oder „Freistaatler“ – Südtiroler Schützen, die ihre „Mitheimatländer“ herwärts und freiwillig als „Ausland“ markieren, spielen (hoffentlich unbewusst) das Spiel der römischen Nationalisten. Wer sonst hat es immer mit dem „estero“ und dem „straniero“?

Krokodilstränen in der Pressemitteilung über die zentralistische, sprich römische Ausrichtung des Gesundheitswesens und die Missachtung der deutschen Muttersprache muten schon recht sonderbar an, wenn zuvor Brudernationen wie Österreich oder Bayern im wahrsten Sinn des Wortes „ausgegrenzt“ werden.

Wäre die Pressemitteilung ein flotter Marsch, dann würde ich meinen, ein Musikant in der hinteren Reihe habe eine falsche Note erwischt oder leicht danebengeblasen. „Qualcosa stona“, würden unsere Welschtiroler Freunde sagen.

An freundlicheren Ausdrücken fehlt es nämlich nicht, um die Auslandskante zu umgehen, selbst wenn man volkstumspolitisch nicht mit den „Genagelten“ dahersteigt.

Wenn (vor allem, aber nicht allein) die Republik Österreich, die Schweizerische Eidgenossenschaft oder die Bundesrepublik Deutschland gemeint sind, kann man anstatt „ins benachbarte Ausland abwandern“ neutral auch sagen: „in  benachbarte EU-Länder abwandern“, „in unsere Nachbarländer“, „in die D-A-CH-Staaten“, oder einfach „europaweit “. Etwas engagierter: „ins nahe Österreich“, „in deutsche Länder“, „in die umliegenden Bundesländer“, „vor allem nach Tirol und Bayern“, oder ganz stramm „ins Vaterland“. Alles besser als Ausland.

Die
Dekas
Seite

 Webseite von

Dr.phil. Georg Dekas

georg@dekas.it