Brief an Dr. Josef Noldin (+1929)

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Lieber Josef Noldin,

Wären Sie 1988 geboren und nicht 1888, dann wären Sie heute ein junger, aufstrebender Rechtsanwalt, mit Kanzlei ganz sicher in Bozen und einem Ableger hier in Salurn. Ein schneidiges Mannsbild würden wir sehen und einander auf der Straße grüßen, er in bestem Zwirn, vielleicht sogar mit einem gezwirbelten Schnurrbart wie damals, auf jenem Lichtbild aus der Innsbrucker Studentenzeit Anno 1906. Wie schon damals würden Sie mit dem Zug nach Trent oder Bozen fahren und das Auto stehen lassen, wer weiß. Große Rechtsgeschäfte hätte er im Sin, unser Dr. Noldin, weit über die Berge hinaus. Von London bis nach St. Petersburg. Russisch können Sie ja und politisch unmögliche Gipfel bezwingen Sie leidenschaftlich gerne.

Zu dem heimatlich vertrauten Habsburgerreich käme heute die ganze Europäische Union dazu, der ganze Westen, die neue Macht China, ach was, die ganze Welt! Vielleicht wären Sie auch ein tüchtiger Verteidiger der Südtirol-Autonomie, ein Parlamentarier in Rom oder in Brüssel, ein Spezialist für sprachliche und nationale Minderheiten in Europa. Oder auch nichts von alledem, und es hätte Sie nur gefreut, Südtiroler Wein in die Welt hinaus zu verkaufen. Sicher wäre in guten Zeiten wie diesen auch das kaufmännische Geschick der Familie Noldin zur Geltung gekommen. Auf jeden Fall wären Sie heute noch so draufgängerisch und so unbeirrbar gerecht wie in dem irdischen Leben, das Gott der Allwissende für Sie ausersehen hat.

Als Sie 1888 das Licht der Welt erblickten, auf dem Gutshof in Salurn eine unbeschwerte Kindheit im Kreis ihrer Eltern und Geschwister verbrachten, in Trient und in Feldkirch geschliffen wurden, als Einjähriger bei den Kaiserjägern dienten und später das Rechtsstudium in Innsbruck mit Auszeichnung abschlossen, da war Ihre und unsere Welt noch in Ordnung.

Im Reich des Kaisers herrschte das Recht, nicht die Willkür. Den aufstrebenden Schichten der Gesellschaft und Völkern im Reich war es gelungen, sich einen Platz an der Sonne zu verschaffen. Aber noch stand das Geburtsrecht über dem Menschenrecht. Die Arbeitenden und die Leistungsfähigen aller Sprachen hatten längst nicht den ihnen zustehenden Wert erreicht. (Und das sollten auch die wahren Gründe für den so überraschenden Untergang der Doppelmonarchie werden.)

Unabhängig davon, lieber Josef Noldin, wuchsen Sie in einer wahrhaft aufregenden Zeit auf! Einer Zeit des Aufbruchs, des Fortschritts, des Friedens, eine Zeit der vielen Erfindungen und Gründungen. Ich denke, in dieser Hinsicht hätten Sie sich bei uns im Jahr 2019 sehr gut wiedergefunden.

Un da gab es noch etwas: Was wir uns nach 1945 gar nicht mehr so recht vorstellen können, ist, dass es in Ihrer Jugendzeit ganz einfach schön war, deutsch zu sein. Nicht wegen Ahnenpass und sowas, sondern aus Freude und mit lauterem Stolz, einem so reichhaltigen, erfolgreichen, einzigartigen und vielfältigen Kulturkreis anzugehören. Als Heranwachsender haben Sie bemerkt, dass die maßgebenden Welschtiroler (längst nicht alle Welschtiroler!) in eine ganz andere Richtung zogen. Sie träumten von Großitalien.  „Irredentisten“ nannten sie sich, die Umerlösten“. Sie wollten sich mit fast schon religiöser Inbrunst dem Königreich Italien anschließen. Lieber Noldin, Sie müssen das Klima des Widerstandes und der Abneigung schon früh gespürt haben. Im Gebälk des Habsburgerreiches knisterte und knackte es – fast so wie heute in der Europäischen Union.

Und so kam, was kommen musste. Sie waren noch in russischer Kriegsgefangenschaft fern der Heimat, als nach der Einverleibung von Welsch- und Deutsch-Südtirol die Irredentisten ganz schnell zu Faschisten wurden. Ihr Programm war die Rache. Rache an Österreich auf dem bisschen deutschen Boden, den ihnen die großen Sieger als Lohn für den Seitenwechsel überlassen hatten. Und wenn es nicht Rache war, dann sicher die gezielte Demütigung der ansässigen Tiroler. Darüber wurden Sie, Josef Noldin, zum Kämpfer gegen die Tyrannei, zum Widerständler gegen die Arroganz der nationalen Selbstüberschätzung.

Wenn Sie heute vom Himmel herabsehen, dann werden Sie mit einiger Genugtuung vermerken, dass es das deutsche Südtirol noch immer gibt – und das nicht zu knapp! Dass sich viele Welschtiroler wieder die Ordnung, die Sicherheit und das Recht des Kaiserreiches von Franz Joseph herbeiwünschen. Dass sich das Tirolertum auch südlich von Salurn wieder langsam aufrappelt. Dass aus Österreich ein zwar viel kleinerer, aber hochmoderner und allseits geschätzter Staat inmitten der europäischen Familie geworden ist. Dass Ihr Vermächtnis weitergetragen wird, nicht zuletzt von Ihren Nachkommen, in denen immer noch so viel Josef Noldin steckt.

Während wir Späteren (noch) in Frieden und in einem unvergleichlichen Wohlstand leben dürfen (freilich auch mit dessen Schattenseiten), mussten Sie am 14. Dezember 1929 Ihr Leben lassen. Sie starben nicht nur an den Folgen einer Krankheit, die Sie sich am Ort der Verbannung zugezogen hatten, sie starben auch, weil am Brenner eine eiserne Grenze gezogen worden war, die ihnen den Weg zur Kur oder in die rettende Innsbrucker Klinik verwehrte. Sie hatten Ausreiseverbot und mussten in Meran operiert werden.

So unendlich groß der Verlust für ihre Familie, so schmerzhaft Ihr Scheiden für uns Tiroler war, so sehr haben Sie das Große und Wesentliche in Ihrem jungen, tüchtigen Leben bereits erfahren und vollbracht. Sie haben für Ihr Land gekämpft und schwer gelitten, sie haben sich wieder erhoben, eine Familie gegründet, für sie gearbeitet, sich selbst und die eigene Wesensart nie verleugnet. Und als die Emporkömmlinge die Macht an sich gerissen hatten, haben Sie sich ihnen in den Weg gestellt, haben die deutsche Untergrundschule mit aufgezogen, haben sich mit dem Diktator selbst  angelegt. Sie mussten Ihren aufrechten Gang mit Verbannung und Tod büßen.

Eine „Märtyrergestalt“ seien Sie, sagte einst Kanoniker Michael Gamper. Ja, gewiss. Und doch: Wenn in der Schule vor Kindern und Jugendlichen das hohe Lied vom unbeugsamen Widerstand gegen jegliches Unrecht besungen wird, dann müsste man viel stärker darauf hinweisen, dass es für die, die das wagen, meist Verlust, Ächtung und Tod bedeutet, und dass die allermeisten Menschen davor zurückschrecken und lieber den Weg der Anpassung gehen. So war es immer schon und überall auf der Welt und so ist es auch heute.

Aber gerade weil das, was Sie taten, so selten ist, lieber Josef Noldin, gehören Sie zum Edelsten, was wir besitzen. Sie sind ein Held und Heiliger der Heimat. Menschen wie Sie sind Wehrsteine, die unseren Lebensweg säumen, uns Richtung geben, uns in der Bahn halten. Ein Josef Noldin steht in einer Reihe mit allen, den großen und berühmten, den kleinen und unauffälligen Menschen, die ein besonderes Opfer bringen und gebracht haben in ihrer Liebe zu Gott und Recht, zu Land und Leuten. Lieber Josef Noldin, gib, dass wenn es darauf ankommt, wir nicht zu weit hinter oder unter Dir zu stehen kommen.

P.S. Wir gedenken Josef Noldins im kalten Dezember. Aber wir ihn feiern ihn gerne auch zusammen mit dem Heiligen Josef, seinem Namenspatron und dem Schutzheiligen unseres Landes, in des Frühlings Blüte, im Zeichen von Wiedergeburt und Auferstehung.

Aus der Gedächtnisrede für Dr. Josef Noldin, gehalten am Sonntag, den 15. Dezember 2019 an seinem Grab in Salurn bei der alljährlichen Gedenkfeier der Schützen von Georg Dekas nach folgender Einleitung:

Liebe Landsleute aus Süd und Nord, aus Ost und West. Wir sind heute zusammengekommen, um einen großen Sohn unserer Heimat die Ehre zu erweisen. Für uns heißt es, von Josef Noldin zu lernen. Wir zeigen mit dieser Feier unseren Willen, die Erinnerung an ihn nie erlöschen zu lassen, genauso wie die Bereitschaft, sein Zeugnis an die Jungen weiterzugeben. Ich bin kein politischer Würdenträger und auch kein Schriftgelehrter, kein Noldin-Spezialist, ich bin einer von Euch aus dem Volk. Deshalb habe ich mir gedacht, ich schreibe dem Josef Noldin einen Brief und denke mir, er könnte auch heute noch unter uns sein. Hier ist er.

Die
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Griasti! Des isch di Webseit von Georg Dekas