Das Smartphone und die Gesetze der Ausscheidung: Befreit Euch!

Kur-Häusl Meran Foto: Georg Dekas
Kur-Häusl Meran Foto: Georg Dekas

Dereinst gab es in der kaiserlichen Kurstadt Meran ein schönes Pissoir. Es stand am Aufgang zur Tappeinerpromenade in der damals Jahnstraße, gleich neben der damals Handelsschule. In den Zeiten, die danach kamen, betrat ein kleiner Bub das ehemals eher noble, jetzt heruntergekommene Häusl, um einem unaufschiebbaren Bedürfnis stattzugeben.

Was ihm zusammen mit dem Dreck und dem beißenden Gestank bis heute in Erinnerung geblieben ist, sind die grob eingeritzten und ungelenk gemalten Inschriften quer über alle vier Wände. Lauter Schweinereien, wie der Bub später lernte. Alles, was mit Schimpf und Sex zu tun hatte.

Wenn ich heute Einträge in den Kommentarbereichen der Netzzeitungen lese oder gelegentlich mitbekomme, was so alles in den „Socials“ abgesetzt wird, dann habe ich manchmnal das Innere des Meraner Kur-Scheißhäusls vor Augen und in der Nase. Erlaubt mir, diese Verbindung so zu beschreiben, wie ich sie wahrnehme. Keinesfalls möchte ich damit gesagt haben, dass die Ausscheidungen des zweibeinigen Säugetiers etwas Geringes oder durchwegs Verderbliches wären. Ganz im Gegenteil, man denke an den Samenschleim, der Leben spendet, an Rotz und Schmalz, die Keime abwehren, an den Kot, der Blumen sprießen lässt. Nun hat es sich der Mensch im zivilisierten Teil der Welt zur Gewohnheit gemacht, gewisse untere Ausscheidungen abseits, schnell und geruchstilgend zu erledigen. Andere wiederum vergöttert er samt den turnerischen Vorgängen rundherum. Die Popsongs lobpreisen die Effusionen, so dass ein Alien nie auf den Gedanken käme, dass das eine und das andere in ein und demselben stillen Örtchen Platz und Praxis fände. Für meinen Teil nehme ich es als Naturgesetz hin, dass, wenn ich esse und verdaue, den für meinen Leib unbrauchbaren Teil ausscheide. Es ist mir sogar ein Wunder. Gäbe es das Ausscheiden nicht, müsste ich zerplatzen oder vergiftet sterben.

Was nun dieser zivilisierte Teil der Menschheit völlig außer Acht lässt, ist, dass nicht nur der Mund und der Darm, sondern auch die höherstehenden Organe dem Gesetz der Ausscheidung unterliegen. Das Herz, klar, wer hat es nicht schon einmal ausgeschüttet? Der Mund sowieso, der gibt häufiger und mehr von sich, als die Ohren vorher eingenommen haben.

Nein, schaut einmal auf das Hirn! Die Kinder, die in unserer Mitte geboren werden, werden von den ersten Lebenstagen an vollgestopft wie Weihnachtsgänse. Was der Gans ihre (Fett-)Leber, ist dem Heutemensch sein Hirn. Es geht hier nicht um Muttermilch, Brei, Bananen, später Müsli und noch später Pommes. Es geht hier um das unaufhörliche Hineinstopfen von Lauten, Farben, Reizen, Worten, später Benehmen, dann Schulwissen, dann Wiederkäuen und dann wieder hineinstopfen – hinein bis in die letzte Synapse und bis ans Ende der Zwanzigerjahre: Ein Vierteljahrhundert Aufnahme.

Sicher, ein guter Teil wird umgewandelt: Gedichte aufsagen, Rechenaufgaben, Musikmachen, Technik oder Sprachen beherrschen, am Ende sogar schöne Reden führen, Gesetze machen, Rekorde brechen, zum Mond fliegen. Aber wo bleibt die Ausscheidung? Jene Ausscheidung, die untrüglich und sichtbar anzeigt, dass Verdauung stattgefunden hat?

Es zeigt sich eine Gabelung: Entweder der mentale Abtritt findet diskret, unschädlich und wohltuend statt. So wie die leibliche Notdurft geht er durch die Kläranlage des Verstandes hinein in Fluss und Meer und wird über den Regen der Mitteilung wieder zur Nahrung. Oder die Ausscheidung findet nicht statt, weil zurückgehalten – dann staut sich etwas an im Inneren.

Das Hineingestopfte drückt auf Gemüt und Urteilskraft. Geist und Seele hypertrophieren wie Bäche und Seen durch das Phosphat aus Waschmitteln, wechseln Geschlecht und Gusto wie die Fische durch das Östrogen der Pille. Am Ende, siehe Kur-Häusl in Meran, muss dann doch alles raus.

Wieder gibt es zwei Wege. Geht die verspätete Ausscheidung über den Mund, dann ist der Stoff hypermoralisch angereichert wie eine schwere Gülle, die aus bunten Blumenwiesen im Nu eintöniges Futtergrün macht. Geht sie nicht über den Mund, dann wird es gefährlich bis tragisch: von Zappeln bis Amok. Diese letztere Art von Notausgang wird von der Öffentlichkeit lüstern beobachtet, herangezoomt, ausgerufen und ausgeschlachtet. Das Schlagzeilengewerbe und die Netzindustrie leben auf das Unglück anderer, ob die das wollen oder nicht.

Die erstere und weit häufigere Art von Raus-und-weg ist die hypermoralisch angereicherte, verbale Notdurft. Darunter fallen zuallererst die primitiven, infantil-regressiven Ausdrücke aus der „Ich-Gut-Du-Böse-Welt“. Kinder (Au!), Erziehungsberechtigte (Nein! Pfui! Schäm dich!) Halbwüchsige (Scheiße! Geil!), Grobiane (Arschloch!), Kerle (Sau!), Frauen (Schwein!), Einfältige (Brutal!) und die Weltmeister des Fluchens (Coglione! Cazzo! …!) lieben, sagen und schreien es, sobald sie können oder glauben, es zu müssen. Oder sie stellen es, falls männlich, eigenhändig illustriert im Häusl oder Schulheft der Nachwelt anheim.

Über diesen kurzen, klaren und unmissverständlichen Wertungen stehen erhaben die höheren und ungleich subtileren Spielarten des viszeralen Vor- und Nach-Urteils. Man kann sich das als elektromagnetisches Kraftausdrucksfeld vorstellen, über das man mit einem Regler fährt. Dabei steigert sich der Ruf vom unterschwelligen Vorwurf bis zum rigorosen Moralismus eines „How Dare You“ oder eines „Nie wieder!“ Noch ist der moralische Druckausgleich lange nicht am obersten Ende der Skala angelangt. Dort steht am Schlusspunkt immer: „Tod den …!“ An diese Leerstelle kann man alles einsetzen, was Empörte, Blindwütige, Selbstgerechte, Gierhälse, Eiferer des Guten, schnittige Mitläufer und finstere Gestalten zu vernichten sich eingebildet und vorgenommen haben.

Halt, nun gehst du aber zu weit! Du willst doch nicht behaupten, dass alles das nur der Ausstoß unverdauter Hirnnahrung sei? Natürlich nicht. Aber in diesem Alpha bis Omega an Wertungen ist feststellbar, dass es eine gewisse Bandbreite gibt, schätzungsweise im mittleren bis obersten Drittel, in der bestimmte Wortausscheidungen eindeutig etwas zu tun haben mit den Windungen einer überschweren Großhirnrinde, ihrem kognitiven Überbau – eben mit unverdauter Wissenslast.

Früher waren das etwa die moralischen Gebote von Kirchen und Konfessionen, dann die Glaubenssätze der politischen Weltanschauungen, heute sind es die Moralismen des Politisch Korrekten mit dem Grünismus, Feminismus und Humanitarismus als  Komparative und dem Gretaismus als finalem Superlativ.

Über die Automatik der Vervielfältigungen in den „Socials“ hat sich diese Gattung von emotionalisierten und emotionalisierenden Aussagen weltweit ausgebreitet. Dass diese Seuche von ihren Sprechern gar nicht als solche wahrgenommen wird, zeigt nur, dass die Schwelle von der Epidemie zur Endemie bereits überschritten ist.

Ein weiteres Anzeichen des Befalls von Hypermoralismus ist, dass Zeitungsleute, gleich ob Papier oder Netz, Angestellte oder Liebhaber, Wahrheitssucher oder Verführer, zunehmend eine klassische journalistische Unterscheidung aufgeben, nämlich jene von Bericht (die unparteiische Wiedergabe von Geschehnissen, Tatbeständen, Aussagen Dritter) und Kommentar (die intellektuelle oder emotionale Bewertung von Geschehnissen, Tatbeständen und Aussagen Dritter).

Auffallend ist diese Schlagseite besonders auf der politisch linken Seite – eine Richtung, die einst so stolz war auf ihre Intellektualität und die nüchterne Vivisektion des Seins. Dieser Bruch, ja die Verkehrung dieser Tradition, fällt den schreibenden und redenden Darstellern und Anhängern der einst Linken, heute feministischen und grünen Humanitaristen gar nicht mehr auf, weil sie ganz und gar im empörten Gerechtigkeits- und Erlöserwahn aufgehen. Die bürgerlichen Berufs-Sager unterscheiden da besser. Letztlich ist der berechtigte Jammer über das vulgärmoralistische Geheul aus allen Richtungen allen gemeinsam, die sich als bescheidene Zeitgenossen, redliche Gewissensökonomen, als vorurteilslos beobachtende Zyniker, als nüchterne Wissenschafter oder einfach nur als Snobs und Nonkonformisten dem aufgeregten Zeitgeist und seinen artifiziellen Ausscheidungen widersetzen.

„Wir sind in eine Ära des Vulgären geschlittert“, urteilt der Mailänder Corriere della Sera mit Blick auf das Quassel-Fernsehen, die Palaver-Politik und die unsagbaren „Socials“ im einst so schönen Italien. In der Tat, aus Faccia (Gesicht) wurde Feccia (Kot). Ein Schuft, wer dabei an Facebook denkt. Die elektronische Kommunikation der Spätzeit hat nicht nur die guten und lebensspendenden, sondern auch die weniger gesunden, die übelriechenden, giftigen Ausscheidungen des Menschen aus dem verborgenen Ort in das Scheinwerferlicht des Alltags gestellt und millionenfach verstärkt.

So wahr es ist, dass die Vertreibung aus dem Paradies wieder und immer wieder stattfindet, so wahr ist es auch, dass die allzeit neugierige Eva ihrem allzeit dummen Adam keinen Apfel mehr reicht und erst recht nicht ihr unzertrennliches Smartphone. Just Selfie, Post, Like, Send, Look. Das Smartphone ist Adam und Eva, vor allem Eva, zum verlängerten Arm gewachsen, der nichts vergisst. Schnatterbüchse über alles, Sexspielzeug und Liebesersatz, Büchse der Pandora, Klingelbeutel der Hysterie, Megaphon des Weltuntergangs. Irrgarten der Faces und Likes.

Letztlich alles nicht mehr als ein bekritzeltes Häusl mit Guckloch. Aus einem Häusl geht man befreit heraus. Im Smartphone ist man aus dem Häusl und doch nie mit seinem Geschäft fertig. Smart ist das nicht. Befreit euch!

 

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