Im Euro verlieren sogar die Gewinner

Euro Münzen, Bild: Hans/Pixabay
Euro Münzen, Bild: Hans/Pixabay

Für Merkel steht der Euro für Europa. Ganz im Gegenteil, sagen böse Zungen, der Euro nützt nur Deutschland. Statistiken um Statistiken werden im Glaubenskrieg um Europa verschossen. Hierzu die folgende kleine Pressegeschichte.

Für das Erkennen der wichtigen und wirklichen Dinge in der Welt und im Leben ist die heute erzeugte Masse an digital verbreiteten Daten und Buchstaben oft sehr hilfreich, sehr oft aber auch hinderlich, wenn nicht schädlich. Wir reden nicht einmal über „Fake News“ und Schlimmeres. Da genügt schon ein „Think Tank“. Diese Panzerfahrzeuge des Wissens feuern ihre wissenschaftlich schön ummantelten Granaten über die Medien auf die öffentliche Meinung ab – dazu eine Überschrift, einseitig und saftig koloriert, und schon ist eine Teilinformation mehr in der Welt, die das gegnerische Lager schwächt. In der allgegenwärtigen geistigen Kriegführung der Staaten, Systeme und Ideologien schlagen Geschoße fast täglich ein. Je wissenschaftlicher und „objektiver“ sie gebaut sind, desto gefährlicher ihre manipulative Wirkung.

Ein frisches Beispiel liefert die Berlusconi-Zeitung „Il Giornale“ aus Mailand mit folgender Schlagzeile: „Eine Studie nagelt Berlin fest: Euro nützt allein den Deutschen“ (25. 02. 2019). Wir gehen der „Studie“ nach und finden uns in Freiburg wieder, auf der Internetseite der Stiftung „Ordnungspolitik“.

Dort steht: „20 Jahre Euro: Verlierer und Gewinner – Eine empirische Untersuchung“. Wir lesen: „Deutschland hat von der Euro-Einführung bei weitem am meisten profitiert: von 1999 bis 2017  in Höhe von fast 1,9 Billionen Euro. Dies entspricht rund 23.000 Euro je Einwohner. Daneben … nur noch die Niederlande … Griechenland … in den ersten Jahren … In allen anderen untersuchten Staaten hat der Euro zu Wohlstandseinbußen geführt: in Frankreich in Höhe von 3,6 Billionen Euro, in Italien sogar in Höhe von 4,3 Billionen Euro. Dies entspricht in Frankreich 56.000 Euro, in Italien 74.000 Euro je Einwohner.“

Wie in aller Welt kommt das deutsche „cep“-Institut auf solche Zahlen? Und wer fertigt solche „Studien“? Die Autoren heißen Alessandro Gasparotti und Matthias Kullas. Italienisch klingt da nicht nur ein Name, sondern auch eine Vermutung. Fragestellung der Statistik: „Wie hoch wäre das Pro-Kopf-BIP eines bestimmten Euro-Staates, wenn er den  Euro nicht eingeführt hätte?“ Diese  Frage bewegt Italien brennend.

Die beiden Forscher wollen das mit den Daten der Weltbank und ihrer „synthetischen  Kontrollmethode“ beantworten. Die läuft auf das Tirolerische „Wenn, Wenn, Wenn, a Katz‘ isch koa Henn“ hinaus. Da die Geschichte einmalig verläuft, gibt es kein Parallel-Deutschland, an dem festgestellt werden könnte, wie Deutschland ohne den Euro gefahren wäre. Also greifen die Forscher zu einer mühevoll konstruierten Krücke. Eine Rose „anderer“ Staaten mit „ähnlichen“ Wirtschaftsverläufen muss als Maßstab herhalten. Diese Methodik ist tatsächlich „haarsträubend“ (welt.de). Empirisch geht anders.

Noch schlimmer als das Zahlenkonstrukt ist sein zigfach vervielfältigtes Medienecho mit Titeln wie „Deutschland profitiert am meisten vom Euro“ (zeit.de) usw. Diese Aussage bleibt in den Köpfen, so fragwürdig sie auch ist. Die Gasparottis und Salvinis haben damit die gewünschte Wirkung erreicht. Es ist übrigens bezeichnend, dass die Rezeption im „Il Giornale“ unter der Rubrik „Gli occhi della guerra“ stattfindet, also „Im Auge des Krieges“.

Auch ohne großes Jonglieren mit Zahlen ist die Aussage, der Euro hätte allein den Deutschen genützt, kaum haltbar. Die Tageszeitung „Die Welt“ hat umgehend (am 27. 02. 2019) auf die „Studie“ reagiert (Deutschland als großer Euro-Profiteur – ist das wirklich so?). Sehr zu Recht weist sie auf zwei ganz einfache Tatsachen hin. Einmal die „milliardenschwere(n), möglicherweise wertlose(n) Kredite“ die die erfolgreiche deutsche Exportwirtschaft den anderen Euroländern (Stichwort Target 2) gewährt, Guthaben, die alles andere als gesichert sind. Zweitens auf die Geldpolitik der EZB, die mit dem Werkzeug der Nullzinsen und der unbeschränkten Ankäufe von Staatspapieren darauf aus ist, die Südstaaten Europas vor der Staatspleite zu retten, was für deutsche Sparkonten klare Verluste, ja eine richtiggehende Enteignung sind.

Wären allein die Kosten dieser beiden Eurofolgen für Deutschland in die Rechnung von Gasperotti und Kullas eingeflossen, dann hätte sich der errechnete Gewinn von 23.000 Euro je Einwohner in zwanzig (!) Jahren mit Sicherheit in einen Verlust verwandelt, der dem z.B. Frankreichs in nichts nachsteht.

Die Cep-Studie wird auch von schon existierenden Berechnungen widerlegt. So etwa weisen Marc Friedrich und Matthias Weik nach, dass Deutschland mitnichten der große Euro-Gewinner sei. Sie schreiben: „Seit der Euroeinführung ging es mit dem deutschen Wohlstand in Relation zur gesamten EU bergab. 1998 lag das BIP (je Einwohner in Kaufkraftstandards) in Deutschland bei 125 Prozent, Ende 2017 nur noch bei 123 Prozent. (…) Größter Profiteur ist das Niedrigsteuerland Irland (183 Prozent).“ In dem Beitrag von welt.de bezweifelt ein Experte sogar, dass der Euro überhaupt Gewinner kennt.

Einig sind sich die Fachleute hingegen, dass die Länder Südeuropas die großen Verlierer des Euro sind. Eines Zahlenbeweises bedarf es nicht. Die Gelbwesten in Frankreich, die Lega in Italien, der nur vorübergehend besänftigte rote Tsipras in Griechenland und die aufstrebende Rechtsbewegung VOX in Spanien sind reale Beweise genug.

Wenn aber von unterschiedlicher Seite her hohe Kosten für ein Gut ausgewiesen werden, dann muss man sich auf der anderen Seite fragen, was hat es gebracht? Auf der Haben-Seite der Euro-Bilanz ist außer gerettete Großbanken, künstlich beatmete Staatshaushalte und fromme politische Wünsche wenig zu sehen.

Ein letztes Wort zu Deutschland: Nur Blauäugige oder Böswillige können sagen, dass die Deutschen kraft Euro mehr Kohle machen als andere. Deutschland ist eine der besten Technikschmieden der Welt und war schon Exportweltmeister lange vor dem Euro. Zudem ist das Staatswesen (noch) recht gut geordnet. Das schreit nach einer harten Währung. Der Euro ist für Deutschland zu weich und die Langzeitfolgen äußerst schädlich. Die Experten Weik und Friedrich finden: „Mehr denn je wird ersichtlich, dass der Euro Europa trennt, anstatt es zu einen.“

Aber wenn die Südstaaten die klaren Verlierer sind und Deutschland gar nicht der große Euro-Gewinner ist – was hat dann der Euro überhaupt gebracht? Eigentlich müsste Deutschland die selber eingebrockte Suppe am meisten satt haben.  Was, wenn die Vision der „Vereinigten Staaten von Europa“ ausgerechnet an der gemeinsamen Währung scheitern würde?

Als ob der Brexit im Norden und die Populisten überall herum nicht schon Spaltstoff genug wären.

 

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