Der Geist der 68iger

Foto Pixabay/KreativeHexenkueche
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Wie aus den „Revoluzzern“ von 1968 die Herrschenden von heute wurden und was das für die Zukunft bedeutet. Teil 1

Wenn Österreichs Staatsoberhaupt einen „flammenden Appell“ für Europa ausrichtet, eine Bozner Zeitung den Leitartikel zum Jahresbeginn mit „Auf nach Europa“ titelt oder Bozens Bischof Einsatz für das große „Wir“ Europas fordert, dann steckt dahinter auch der alte Geist der 68iger.

Es hat im soeben abgelaufenen Jahr 2018 zaghafte Bestrebungen gegeben, die „68iger“ zu ihrem runden 50. Geburtstag hochleben zu lassen. Im Jahr 1968 lieferten sich Studenten in Paris und Berlin wilde Straßenkämpfe mit der Polizei. Es gab wüste Tiraden gegen die alte Garde von Professoren an den Universitäten und überhaupt gegen die „Alten“ aus der Kriegsgeneration, die an den Schalthebeln der Gesellschaft saßen.

Medien und Marxismus als Aufputschmittel

Aufgeputscht wurden die Hochschüler durch bestimmte Lehren und deren Lehrer, aber auch durch die Hebelwirkung der neuen Massenmedien. Mit den  Boulevardzeitungen, dem handlichen Transistorradio und dem neu hinzugekommenen Fernsehen war eine noch nie da gewesene Verbreitungsmacht von Meinungen entstanden. Sie gab den Umtrieben der sich als „Revolutionäre“ bezeichnenden Protestierer Raum, Stimme, Ton, Farbe und Geltung.

Feindbild „Nazi“

Weil sich die bürgerlich eingestellte Mehrheit der Erwachsenen den frechen Ton und die militante marxistische Gesinnung der Studentenführer nicht gefallen ließ, schossen die meist konservativen Medien, in Deutschland war es die „Springer-Presse“, aus vollem Rohr zurück. Die „Bild“ wurde zum Gottseibeiuns der „Revoluzzer“. Bei uns in Südtirol bekam die Rolle des Teufels das Tagblatt „Dolomiten“ und dessen Schriftleiter Josef Rampold. Wagte der es doch, die Ehre der einfachen Wehrmachtssoldaten zu verteidigen, von denen er als junger Mann einer gewesen war. Damit war er als „Nazi“ gebrandmarkt – so wie andere hunderte von Lehrern, Richtern und Zeitungsleuten im ganzen deutschen Raum.

Rote Wortführer

Im romanischen Raum, also im führenden Frankreich und im nachziehenden Italien, bekam die Studentenbewegung der 68iger sehr schnell eine tiefrote Farbe. Die Führer der kommunistischen Parteien und Gewerkschaften, die in diesen beiden Ländern sehr viel stärker waren als in deutschen, skandinavischen oder angelsächsischen Ländern, leiteten das jugendlich wallende Wasser geschickt auf ihre Mühlen. Studenten und Arbeiter sollten sich verbünden und die Revolution gegen den Kapitalismus und die herrschende Bourgeoisie vollenden. Einer dieser roten Apostel in Südtirol war Alexander Langer. Überall wurden Straßenumzüge organisiert mit roten Fahnen und Konterfeis von Marx, Engels, Lenin und Mao, Hammer und Sichel.

Idealismus à la Che

Dazwischen gab es, bunt gemischt, das „Peace“-Kreuz der Anti-Vietnamkrieg-Bewegung aus den Vereinigten Staaten und das Bild von Kubas Che Guevara. Gerade diese beiden Symbole zeigen auf, wie es den treibenden Kräften hinter der 68iger Bewegung gelang, den Gerechtigkeitssinn der Jugend anzusprechen – die sich immer und zu allen Zeiten so gerne hinter David und gegen Goliath stellt. So wurde aus „Che“ nicht nur das Symbol des gerechten Kampfes der kleinen, ausgebeuteten Latinos gegen den blutsaugenden Moloch USA, sondern eine Ikone für jugendliches Aufbegehren überhaupt.

Das „Peace“-Zeichen hingegen kam von den amerikanischen Hippies. Es versinnbildlichte die Hoffnung auf eine bessere Welt ebenso wie die Abneigung der amerikanischen Jugend gegen die Kriegführung in Übersee.

Während Hammer und Sichel die Köpfe der Intellektuellen eroberten, gewann das Peace-Zeichen die Herzen der Jugend. Mit beiden Symbolen wurden die „68iger“ zur Massenbewegung und zur Weltanschauung. Links sein wurde im Europa der früheren Diktaturen „in“. Alles, was diesem Tross nicht folgte oder sich in den Weg stellte, war „Nazi“ (deutsch) „Faschist“ (italienisch) und „Reaktionär“ (französisch).

Das politische Ende

Die rote Massenbewegung ebbte gegen Mitte der 1970er Jahre ab. Die von den Politbüros gewünschte Verschmelzung von Jugendbewegung und Arbeiterbewegung zu einer wuchtigen Macht, die das kapitalistische System aus den Angeln heben sollte, hatte nicht funktioniert. Doch deren Spitzen wollten nicht klein beigeben. Es entstanden die geheimen Terrororganisationen  „Rote-Armee-Fraktion“ RAF und „Brigate Rosse“ in Italien. Diese vom großen Tohuwabohu der 68iger verführten und übrig gebliebenen Seelen glaubten allen Ernstes, durch die gezielte Ermordung von einzelnen Politikern, Bankiers und Industriellen die rote Revolution auslösen zu können. In einer Art Heilsgewissheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, verübten die meist aus bürgerlichen und intellektuellen Kreisen stammenden Täter unverzeihliche Verbrechen.

Der „lange Marsch durch die Institutionen“, aber anders

Die Masse der Jungen hingegen zog Profit aus den Zugeständnissen der Alten und machte große Karriere im kapitalstischen Stil. Heute besetzen die „68iger“ nicht als rote Revolutionäre, sondern als genußfreudige Kinder der damaligen amerikanischen Kulturrevolution fast sämtliche leitenden Positionen in der Gesellschaft. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ganz massiv niedergeschlagen, vor allem in der Meinungsbildung (Schauspiel, Literatur, Journalismus), aber auch in Rechtsprechung und Politik.

Der politische Fußabdruck der 68iger

Für die 68iger Generation, die, wie festgestellt, immer noch leitende Positionen in der Gesellschaft einnimmt,  ist die freie Vermischung des Menschengeschlechts ein Segen. Rassen gibt es nicht. Der Mensch ist für sie nur das Ergebnis von Umständen und Erziehung – daher auch „belehrbar“. Verbrecher – sofern sie nicht Männer sind, die Frauen töten – werden zuerst als Opfer gesehen und mit so viel Milde und Umerziehung bedacht, dass ebendieses zum Unrecht wird. Kriege werden verabscheut, in Wahrheit aber den Berufsheeren und Guerillakämpfern in fremden Ländern überlassen. Abtreibung ist ein Recht, Menschenrechte soll es für alle geben, auch die Ehe. Die Superbesteuerung der Reichen ist politisches Programm ebenso wie die unbegrenzte Sozialhilfe. Selbstverständlich isst man „Bio“ und macht den Menschen verantwortlich für den Klimawandel. Die Einwanderung von kulturfremden Menschen hält man für notwendig, um die Pensionskassen aufzufüllen die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Die neue Gegenbewegung

Während die 68iger in Rente gehen, baut sich im öffentlichen Leben eine Gegenbewegung auf, die von den Scheidenden ziemlich hilflos als „Populismus“ bezeichnet wird. In ihrem typisch pädagogisch-soziologischen Denkmuster erklären die Alt-68iger den Populismus mit der Verlust-Angst der „bildungsfernen Schichten“, sprich Arbeiter, vor den Folgen des freien Wandels und Handels, sprich Globalisierung. Ausgerechnet sie, die „Baby-Boomer“, die den Egoismus zu ihrem Lebensleitmotiv gemacht und nichts ausgelassen haben, was Genuss und Vorteil bot, meinen heute, dass die Nachkommenden sich jetzt bitte nicht abzuschotten hätten. Solidarität sei gefragt, tönt es von den Kirchenkanzeln – auch in Bozen.

Die meist jungen Aufmüpfigen von heute spüren das Unstimmige in den Sirenengesängen der „Gutmenschen“, die sie als „Mainstream“ und „Eliten“ verachten. So ereilt die heutigen 68iger das Schicksal der Herrschenden. Herrschende, wie sie sie selbst einst gnadenlos niedermachten. Allen „flammenden Appellen“ der 68iger zum Trotz wird sich das ungeliebte Neue Bahn brechen nach den Notwendigkeiten der Zeit.

Georg Dekas

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