Struktur

Die Struktur eines Stiegenhauses Foto (c) Georg Dekas
Die Struktur eines Stiegenhauses Foto (c) Georg Dekas

Im Italienischen groß in Mode ist das Wort „struttura“. Es wird verwendet, wenn bei einem Bauwerk die Zweckbestimmung unterstrichen werden soll. Im Deutschen ist das die „Einrichtung“ oder „Anstalt“.

Kürzlich wurde in der hiesigen italienischen Presse sogar ein einfacher Bauernhof zur „struttura“, wahrscheinlich weil dort Urlaub auf dem Bauernhof angeboten wird („…gestione dell’agritur, il Gostnerhof». La struttura, a 900 metri di quota …”).

Immer mehr Südtiroler übernehmen diese Mode und sprechen von einer „Struktur“, wenn sie ein Heim, eine Klinik, ein Vereinshaus oder auch nur eine Tankstelle meinen. Das ist störend. Nein, es ist falsch. „Struktur“ ist im Deutschen mehr als ein Zweckbau.

Struktur ist Gebilde, Gefüge, Aufbau, Ordnung, Beschaffenheit, Muster. Im Begriff „Struktur“ stecken Absicht und Kunst des Werkmeisters ebenso wie die Wirkung auf dessen Nutzer oder Betrachter. So wird das deutsche Wort „Struktur“ vornehmlich in den schöpferischen Fächern gebraucht, im Bauwesen, in der bildenden Kunst, in der Wissenschaft. Ein edles Wort.

Nun aber hören und lesen wir hierzulande immer häufiger von Leuten, die in einer bestimmten „Struktur“ untergebracht sind – in Krankenhäusern, Altenheimen, Rehakliniken und Ähnlichem. Der neue Gefängnisbau werde eine „wichtige Struktur“ sein, heißt es.

Schon klar, dass niemand gerne „Anstalt“ sagt. Anstalt, das klingt nach Gitter, Aufseher, Beklemmung, Drill. Und immer nur „Einrichtung“ zu sagen, ist auf Dauer eintönig.

Das Deutsche fordert es, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Ohne jede Umschweife, nicht in Watte verpackt und messgenau auf den Gegenstand bezogen. Das erfordert geistige Arbeit. Außerdem klingt Ehrliches meist ziemlich grob. So wird aus der „Irrenanstalt“ leicht die „Struktur für Menschen mit psychischen Problemen“.

Auch im digitalen Raum des Redens und Schreibens gewinnen Kunstbegriffe gern die Oberhand, die Spiel- und Deutungsräume offen lassen und trotzdem so klingen, als ob sie etwas Festes und Bestimmtes an sich hätten. Wie „struttura“ eben.

 

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