Von Brettern, Stöpseln und der Merkel-Falle

Foto Pixabay/lostmind
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Politik als Beruf 99 Jahre nach Max Weber

Im Oktober 1919 hatte der große deutsche Soziologe Max Weber den Vortrag „Politik als Beruf“ gehalten und dabei eine Redewendung geprägt: „Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“*.

Webers hochgelehrter Vortrag ist im Hintergrund zu verstehen als Würdigung und als Ansporn für die Politiker, die nach verlorenem Krieg, inmitten des Zusammenbruchs der alten Ordnung und unter dem gnadenlosen Diktat der Siegermächte den deutschen Karren aus dem Dreck zu ziehen hatten.

Zugleich ist Webers Vortag ein großartiges Plädoyer für die Politik als Handwerk. Ein schwieriges Handwerk, das stets dem Machtrausch, der Eitelkeit und der Demagogie ausgesetzt ist, das aber allen Versuchungen widersteht durch den Blick auf die Sache und auf das Machbare. Das heißt noch nicht, dass der kühl rechnende, wertneutrale Technokrat der gute Politiker sei. Nein, zum Augenmaß bedarf es nach Max Weber der Leidenschaft, kurz, es braucht Herz für die Sache.

Doch wehe, wenn überbordende Gefühle und die ganz großen Wünsche überhand nehmen. Mit Ausnahme von wenigen Heiligen, die eine für gewöhnliche Menschen unerreichbare Vollkommenheit vorleben, und mit Ausnahme von ebenso wenigen Helden, die das Unmögliche wagen, ist der Mensch nicht für Extreme geschaffen. Wer vorgibt, mit politischen Mitteln das Paradies auf Erden alsbald herbeiführen zu können, der täuscht sich entweder in der menschlichen Natur oder er enttäuscht mit Gewalt Hoffnungen und Träume.

Wohl aber befruchtet und beflügelt das Unerreichbare das Geschäft mit dem Machbaren. Es gibt auch gute Propheten und nicht nur Volksverführer. Aber Max Weber setzt einen klaren Trennstrich: Wenn Idealismus und Weltanschauung das politische Handwerk diktieren, dann wird es gefährlich. Auch weil jene, die im Namen des vermeintlich Guten in die Arena der Machtausübung steigen, meistens weder Heilige noch Helden sind, sondern Dilettanten im Sinne mangelnder Berufskenntnisse und als solche verantwortungslos in Bezug auf Sache und Gemeinwohl.

Seit Max Webers glasklarer Botschaft sind 99 Jahre vergangen. Für Deutschland gab es seitdem einen zweiten Zusammenbruch. Die verletzte Ehre** aus Krieg Nr.1 erzeugte Irrlichter, die im Machtrausch furchtbarer Dilettanten zur nächsten Götterdämmerung in Krieg Nr.2 führten. Erst nach 1945 wurden die Lehren von Max Weber verstanden und ernstgenommen.

Heute, ein reifes Menschenalter nach dieser Besinnung, werden wir der Weberschen Handwerker in der Politik langsam überdrüssig. Ein Grund dafür ist, dass sich die Politiker in den westlich ausgerichteten Demokratien Europas von bodenständigen und biederen Handwerkern in hoch spezialisierte Ingenieure verwandelt haben, die in einem einzigen Konzern namens EU sich gegenseitig in die Hände arbeiten. Sie bedienen eine Riesenmaschine, in deren Räderwerk und Zahlenflüssen die Anliegen und Sorgen der Bürger von Kleinheim zur versäumbaren Größe werden. Darob haben die Politik-Ingenieure eine Art doppelter Buchführung gelernt. Dem Wahlvolk in Kleinheim sagen sie mit gefälligen, ungenauen und beschwichtigenden Reden alles das, was es braucht, um gewählt oder bestätigt zu werden, aber im großen Konzern arbeiten sie nach dessen eigenen Regeln, von denen sie wissen, dass sie dem Volk nicht oder nachteilig vermittelbar sind.

Dieses Doppelspiel ist für sich allein schon genug, um einen Teufelskreis in Gang zu setzen. Auch für den Politiker selbst driften Wirklichkeit und Schein immer mehr auseinander. Um das auszuhalten, baut er eine Brandmauer um sich herum. In Aussage und Körpersprache vermittelt der vom Handwerker zum Ingenieur mutierte Politiker die Botschaft: Das ist komplexer, als ihr denkt – also, ehrlich, ihr alle versteht davon zu wenig. Die Wähler verspüren das als Abgehobenheit des Amtsträgers. Das geringe Übereinstimmen zwischen Reden und Tun deuten sie als Ohnmacht oder gar Unfähigkeit. Es kommt zum Vertrauensverlust. Jetzt werden Stimmen laut, die nach schnelleren und einfacheren Lösungen im Sinne eines handfesten Handwerks rufen. Diese Rufe werden von den Ingenieuren mit dem Vorwurf des Populismus quittiert.

Hier das Muster. Bürger 1: „Hilfe, das Badewasser läuft aus!“ Bürger 2: „Mach den Stöpsel rein!“ Darauf der Politik-Ingenieur: „Alles muss fließen. Stöpsel bedeuten Stillstand. Wir drehen den Hahn stärker auf und bauen unter der Wanne eine Wasserrückführung. In dreißig Jahren ist sie fertig. Alles andere ist Populismus.“

Wenn jetzt so etwas dazukommt, wie in Deutschland im August 2015, nämlich dass eine einst so fleißige Handwerkerin der Politik wie Angela Merkel in einer wegweisenden Entscheidung auf höhere und heilige, jedoch unerreichbare Werte schwört und danach handelt, dann tritt ein, wovor Max Weber so sehr gewarnt hatte, nämlich dass absolut gesetzte Ideale niemals konkrete politische Entscheidungen bestimmen sollten, weil das bisher immer zu Gemetzel geführt hat. Die das heute anmerken, werden mit dem Handwerkerspruch „Wir schaffen das“ vertröstet. Seither ist die so genannte Migration das Krebsgeschwür, an dem die Europäische Gemeinschaft dahinsiecht – mit unabsehbaren Folgen.

Wer es dennoch wagt, diesem sich so überlegen fühlenden Handwerker zu kündigen und einen anderen zu rufen, der einfach den Stöpsel reinmachen würde, der ist des Populismus angeklagt und gilt als Rechtsradikaler oder gar Neonazi. Wer den Stöpsel reinmache, der habe nur Angst und wolle sich von der Welt abschotten, was äußerst uncool sei, tönt es aus den Lautsprechern von der Kapitänsbrücke.

Kommen wir zum Landtagswahlkampf nach Bozen im Oktober 2018. Auch die Politiker im südlichen Tirol fühlen sich als Ingenieure, denen das Wort Brüssels und Roms mehr bedeutet als das ihrer Landsleute. Auch sie arbeiten im Konzern. Dumm nur, dass gar einigen von ihnen die Fachausbildung zum Ingenieur gänzlich fehlt. Was talentierte Dilettanten als politische Geschäftsführer in hochkomplexen Betrieben anstellen können, das zeigen die Ergebnisse in der Energie-, Gesundheits- und Verkehrspolitik der „Autonomen Provinz Alto Adige“ erschreckend eindrucksvoll. Umso schneller sind die politischen Handwerker ohne Gesellenbrief mit der Populismus-Rute zur Stelle, wenn Kritik laut wird.

Umgekehrt scheint der gemeine Südtiroler ein überaus gutmütiger Mensch zu sein. Er wählt seine Abgeordneten nach einer ganz einfachen Auffassung von Politik als Beruf. Er sagt sich, je länger einer drin ist, umso besser kann er’s. Er hält den Politiker wirklich für einen Handwerker, der sich so lange am Werkstoff abmüht, bis das beste Stück für den Kunden hergestellt ist. Also wählte der Südtiroler seine Bürgermeister und Landeshauptleute für die Ewigkeit, hätten sie sich selber nicht einer Amtsbeschränkung unterworfen. Das Zutrauen ehrt den Südtiroler und zeigt, dass er noch vom alten Schlag ist.

Krumme Vögel, die sich im großen Stil unrecht bereichern und falsch singen, das wäre im kleinen Bergbauernland mit seinen wechselseitigen Abhängigkeiten und Treueverhältnissen immer schnell aufgeflogen. Kleine, schlaue Vögel hat man toleriert, solange sie dem Bullen das Fell reinigten. Aber eigentlich hat sich diese Zeit überlebt. Der so genannte SEL- und der Renten-Skandal zeigen an, dass die Ankunft des großen Geldes die alten Bauerngewohnheiten überfahren hat. Das Misstrauen der Südtiroler Wähler ist jedenfalls geweckt.

Es kommt nun darauf an, dass die Verwalter des Gemeingutes und Statthalter der Macht in Bozen sich besinnen und wieder zum guten Handwerk zurückfinden. Zum langsamen Bohren von harten Brettern, und das auch dann durchhalten, wenn die Welt gemein zu ihnen ist, wie Max Weber sagt. Wovor sie sich in Acht nehmen müssen, ist – wie wir heute sagen können – die Merkel-Falle: Vor lauter gut und toll sein wollen höheren Weihen nachlaufen und dabei die eigenen Leute verlieren.

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Max Weber, Politik als Beruf, Oktober 1919:

„Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. Es ist ja durchaus richtig, und alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, daß man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre. Aber der, der das tun kann, muß ein Führer und nicht nur das, sondern auch – in einem sehr schlichten Wortsinn – ein Held sein. Und auch die, welche beides nicht sind, müssen sich wappnen mit jener Festigkeit des Herzens, die auch dem Scheitern aller Hoffnungen gewachsen ist, jetzt schon, sonst werden sie nicht imstande sein, auch nur durchzusetzen, was heute möglich ist. Nur wer sicher ist, daß er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, daß er all dem gegenüber: »dennoch!« zu sagen vermag, nur der hat den »Beruf« zur Politik.“

Zitat entnommen aus gutenberg.spiegel.de, letzter Absatz von Kapitel 2

** „Verletzung ihrer Interessen verzeiht eine Nation, nicht aber Verletzung ihrer Ehre, …“

Max Weber (ebenda)

 

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