Korsika 2018

Ein mächtiger Tofanu-Felsen auf dem Weg von Porto nach Piani Foto ©Georg Dekas
Ein mächtiger Tofanu-Felsen auf dem Weg von Porto nach Piani Foto ©Georg Dekas

Den Reiz der Insel im Mittelmeer haben andere schon beschrieben, ebenso Geschichte, Kultur, Sehenswürdigkeiten, Ausflugsziele, Badestrände, Gumpen. Nach einem ersten Familienurlaub im „Störrischen Esel“ des ÖAV bei Calvi im Jahr 1986 (als die Buben noch klein waren) habe ich Korsika mehrfach besucht und erkundet. Heuer wiederum als Gast im Hause Märk auf der „Testa“, ein mit Villen übersätes Vorgebirge nahe dem bekannten Strand von Pinarellu im Gebiet von Santa Lucia di Portu Vegjhu.

Haus Märk
Haus Märk

In diesen letzten Augusttagen ist die Hitze gebrochen, der Freizeitbootsverkehr zwischen dem Felsenzahn der Rosanna und Pinarellu Gottseidank ebenso, der Ausblick vom „heiligen Hain“ auf das tyrrhenische Meer ist frei von jeglichen Attributen unserer Zeit. Nur die See klatscht rhythmisch gegen die roten Felsen in „unserer“ Bucht.

Korsika zeitlos
Korsika zeitlos

Ich schaue über die Laricio-Kiefer und den dichten Korkeichenwald in den blauen Himmel und denke mir, es könnte genauso gut das Jahr 100 vor Christus sein oder auch das Jahr 7000 vor unserer Zeitrechnung. Die Felsen und Steine der Insel verstärken dieses Gefühl des zeitlosen Alters auf Schritt und Tritt. Man sieht an ihnen das hervorquellende Magma vor Millionen von Jahren genauso wie die Arbeit des Windes und Wassers im Schöpfen eigenwilligster Skulpturen über Äonen hinweg.

Meer und Fels auf Korsika: Das ist die richtige Medizin für das aufgeblasene Ego in der Zeit der unentwegten Selbstbespiegelung, die das Smartphone mit seinen Selfies und Likes über uns gebracht hat. Ich bin auch sonst eher frei davon, aber auf Korsika erlege ich mir die vollkommene Abstinenz in elektronischer Kommunikation auf. Dabei merkt man erst, wie industriell das tägliche Verkehren des Reisenden bzw. des Urlaubsgastes mit den Leuten am Ort geworden ist. Man holt das Baguette Tradition beim Boulanger in der Früh, sagt seine drei Worte und weg. Das gleiche in der Boucherie, beim Tabac et Presse, und im Supermarkt zeigt die Kassieren eh nur mehr wortlos auf das Display, das den Preis anzeigt.

Es gibt keine Fischer am Strand, mit denen man ein paar annähernde Worte tauschen könnte wie Heinrich Böll dazumal, und auch bei den Fahrten ins Landesinnere machen sich die Einheimischen rar bis unsichtbar. Einzig das Grüppchen Bauarbeiter, das jeden Tag um 6 sich bei Columbu zum Morgenkaffee trifft, könnte belauscht werden, aber auch die schauen mit Argusaugen darauf, dass ihnen kein „Touriste“ zu nahe kommt. Um sieben steigen sie dann in ihre Kleinlaster und düsen mit korsischem Affenzahn zu ihren Baustellen.

Ach ja, da gab es in Corte, der alten Hauptstadt, eine lustige, große Ansichtskarte am Ständer vor dem Souvenirladen: Ein Haus, kugelförmig verzerrt und eine brennende Lunte dran, Überschrift „Le boom immobilier en Corse“. Intelligente Selbstironie – nicht nur weil auf Korsika heute so viele Ferienhäuser gebaut werden wie noch nie, sondern weil dieser ungeahnte wirtschaftliche Aufschwung letztlich auch die Frucht jener Bomben ist, mit denen die Korsen in den 1950er und 1960er Jahren die Ansiedelung großer Hotelkomplexe erfolgreich verhindert hatten. So sind unter anderem die Strände frei geblieben, und Korsika hat heute fast die Hälfte seiner gastwirtschaftlich nutzbaren Küste in Gemeinbesitz, als Naturschutzgelände oder als freien Strand. Eine andere Ansichtskarte zeigt ein von Kugeln durchlöchertes Ortsschild, wie man es manchmal in den Bergen sehen kann, mit der Aufschrift „Bienvenue en Corse“.

Der traditionell bleihaltige Willkommensgruß der Korsen hat sich in der Tat als ein äußerst erfolgreiches Marketing-Werkzeug erwiesen. Trauten sich in den 1970er Jahren nur deutsche Zelter und Caravan-Selbstversorger auf die Bergstraßen der „Kallistè“, der wilden Schönen, so fahren heute an der abenteuerlich steilen Spelonca-Schlucht Suvs und Porsches aus Paris mit den Familienautos von halb Frankreich um die Wette –

Berg, Suv, Porsche
Berg, Suv, Porsche

aufgehalten höchstens von einem riesigen, schneeweißen Sightseeing-Bus, der Schaulustige zu den Felsen der Calanche karrt. Die schwarzen oder gescheckten Schweine hingegen wühlen gänzlich unbeeindruckt von all dem Racing in den Parkbuchten oder mitten im Wald nach Essbarem. Würde sagen, die Fremdenverkehrsindustrie ist voll angekommen, ohne dass Korsika seinen wilden und archaisch-bäuerlichen Charme verloren hätte.

Selbiges gilt für das stimmige Bild der mediterranen Landschaft. Obwohl unter Korkeichen und in den Macchiu hinein ganze Städte gebaut worden sind, sieht man die Verbauung kaum oder nimmt sie als harmonisch wahr. Grund dafür sind die strengen Auflagen in Bezug auf Gebäudehöhe, Dachdeckung und Anstrich. Die kleinen Villen fügen sich gefällig in das Ganze ein.

Korsische Häuser verstecken sich gut
Korsische Häuser verstecken sich gut

Hätte ich mit einem politisch aktiven Korsen reden können, hätte ich ihm als Südtiroler gesagt, ich bewundere eure Sturheit und euren Widerstand, aber ihr Korsen habt das große Glück gehabt, zu Frankreich zu kommen. Würde er darauf ein finsteres Gesicht machen, könnte ich ihm die Begründung nachliefern, die ihm wahrscheinlich auch nicht schmecken würde: Wir Tiroler sind unter die Herrschaft eines Mittelmeerstaates geraten. Die Verhältnisse, die sind danach. Dank unserer eingeschränkten Selbstverwaltung können wir uns notdürftig aus dem Chaos heraushalten. Dass wir als die Musterknaben unseres Staates gelten, sagt weit mehr über dessen Unordnung aus als über unsere Tüchtigkeit, die nicht von schlechten Eltern ist. Ihr aber seid ein Mittelmeerland, das unter die Herrschaft einer kontinentaleuropäischen, großen Nation geraten ist – Mutterland des Rationalismus und der Staatsverwaltung, wesentlich mitgestaltet von eurem Landsmann Bonaparte. Diese Kombination ist gut und tut gut, das sieht man überall auf Korsika.

Die Straßenränder sind gepflegt und sauber, die Verkehrsschilder klar, die Müllabfuhr tadellos, die Strafbescheide der Polizei gnadenlos, die Städte proper. Dazu reicht mir der Vergleich zwischen dem Abfahrtshafen Livorno und dem Ankunftshafen Bastia.

Beides sind „technische“ Städte mit Hafen, Verkehrsachsen, Regierungsgebäuden, Industrie und Massenwohnvierteln. Bastia klein, Livorno groß. Aber nicht das ist der Unterschied, der ins Auge sticht. Wer in Livorno ankommt, hat das Gefühl, der Stadtplaner sei ein Dante des 20. Jahrhunderts gewesen, dem es gelang, einen modernen Vorhof der Hölle zu schaffen – eine Hölle für Ankommende, die nichts anderes als zum Anlegeplatz der Fähre nach Korsika wollen, aber es bar jeder logischen Beschilderung ohne mehrfache Irrfahrten im Asphaltdschungel nicht schaffen.

Eine Hölle für Feinsinnige, denen die Verwahrlosung, der Dreck und die vollständige Abwesenheit von architektonischer Kunst ans Gemüt gehen. Eine danteske Hölle schließlich auch für den bürgerlichen Ordnungssinn, der sich fragt, wenn das Äußere schon so ausschaut, wie muss es dann um die innere Ordnung des Gemeinwesens bestellt sein?

Dieses Jahr haben wir uns mit dem Auto in die Stadt gewagt und dem hässlichen Livorno wider Erwarten zwei gute Seiten abgerungen: Die Markthallen aus dem 19. Jahrhundert und der weitgehend unbehinderte Privatverkehr. Ein Gewühl und Gewusel ohne Ende, aber ohne jenes kommunale Raubrittertum, das fremden Individualreisenden mit hinterhältig geplanten „verkehrsberuhigten Zonen“ und mit wie Fallen aufgestellten Videokameras das Geld aus der Tasche stiehlt wie in Pisa oder Massa.

Kommt man dann vom Dreckloch Livorno nach Bastia auf französisches Hoheitsgebiet, ist Reinheit, Ordnung und Übersicht das Bestimmende. Im Hafengelände ein zentraler Pavillon aus Glas, der alles Geschehen regelt. In Livorno steht an der nämlichen strategischen Stelle eine siebenstöckige Industrieruine, die wie ausgebombt und ausgebrannt zugleich aussieht. Vom Hafen in Bastia aus ist der Autoverkehr hingegen wie auf Schienen geleitet. Raus, rein, kein Problem. Nur eines haben die beiden Städte gemeinsam – sei es in Livorno (Italien) wie in Bastia (Frankreich) kümmert sich niemand darum, ob irgendjemand von den devisenbringenden Touristen die Landessprache versteht oder mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut ist – die Straßenverkehrsbeschilderung ist ausschließlich national.

National denken auch die Korsen, aber der Traum von einer eigenen Nation erfüllte sich nur kurz im 18. Jahrhundert. Zeuge davon ist die alte Hauptstadt Corte mitten in den Bergen. Früher ein armes Hirtennest, heute eine unschöne Kleinstadt. Erst auf dem Weg hinauf zur Festung entfaltet sie den diskreten Charme einer mediterranen Altstadt mit französischem Anstrich. Nicht unweit des schmucklosen Hauses, das einst dem General Pascal Paoli als Regierungssitz gedient hatte, sehe ich endlich Spuren von Unabhängigkeitsgeist. In einem Wirtshaus, dessen Terrasse wie ein Tanzboden aus Holz fast ganz in die Fußgängerstraße hineinreicht, ist das Geländer vollständig mit Fahnen geschmückt. Korsika, Katalonien, Flandern, Sardinien –die Abzeichen sämtlicher Unabhängigkeitsbewegungen Europas. Nein, die weiß-rote Fahne mit dem Tiroler Adler ist nicht dabei. Ah, endlich werde ich einen Separatisten treffen! Ha, der Schlingel hat seine Überzeugungen äußerst geschmackvoll ins Marketing übertragen – sogar die Speisekarte ist patriotisch bis auf den letzten Buchstaben! Doch das Lokal ist leer, und von den Wirtsleuten ist eine Stunde vor Mittag niemand zu sehen. Am Rückweg immer noch nicht – doch! Es sitzt jetzt ein schwarz gekleideter junger Mann am Rand der Terrasse, offensichtlich der Kellner. Doch der hat nur Augen für sein Smartphone, und seine Gesichtsmiene sieht nicht danach aus, als würde er politische Manifeste lesen. Das wars dann mit dem Staate Korsika. Etwas Besseres als die regionale Selbstverwaltung im EU-Staat Frankreich kann euch wirklich nicht widerfahren, murmelte ich in meinen Bart hinein, als ich längst schon wieder auf der Testa über dem Meer saß und lange den Segelbooten nachschaute.

Vom Sitz auf der Testa aus den Booten nachschauen
Vom Sitz auf der Testa aus den Booten nachschauen

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