Was ist ein Populist? (II)

gordian knot by cem iber

Folge 2: Der gordische Knoten.

In Folge 1 haben wir gesehen, dass der Populismus der alten Schule darin bestand, das Schlaraffenland auf Erden zu versprechen. Aus einem ganz anderen Stoff sind jene Politiker, die heute als Populisten beschimpft werden – von anderen Politikern, die sich für besser halten. Den „Populisten“ wird vorgeworfen, sie hätten zu einfache Lösungsvorschläge auf – wie es so schön heißt – „komplexe“ Sachverhalte. Sie hätten nur „Parolen, mit denen man vielleicht kurzfristig Zuspruch am Stammtisch findet“, sagt Südtirols Provinzgouverneur Arno Kompatscher – eine Denkschablone, die bei allen Anti-Populisten wiederkehrt.

Wenn wir uns heute jene politischen Köpfe und Kräfte in Europa ansehen, die am heftigsten mit dem Epithet bedacht werden, dann tauchen Namen auf, die eine sehr lange Reihe machen, von AfD in Deutschland bis UKIP in Großbritannien. Es fällt auf, dass die Köpfe und Kräfte in dieser Liste einen unglaublichen politischen Erfolg haben. Was ist der gemeinsame Nenner aller dieser so genannten Populisten? Es ist das Nein. Nein zur ungehemmten Globalisierung, Nein zum europäischen Superstaat und seinem Euro, Nein zum Islam, Nein zu Parallelgesellschaften, Nein zur Unterwanderung des Wohlfahrtstaates durch „Ausländer“ und „Flüchtlinge“.

Anne Will im Ersten wollte Alexander Gauland auf eine besonders perfide Art fertig machen und fragte den älteren Herrn scheinheilig: „Haben Sie denn auch konstruktive Vorschläge?“ „Das ist im Moment nicht unsere Aufgabe“, antwortete der AfD-Vorsitzende und erntete prompt höhnisches Gelächter von drei jugendlichen Claqueuren aus den Zuschauerrängen. Dabei hatte der Mann vollkommen Recht. Alle politisch aufstrebenden Parteien, die von den Mächtigen von heute als Populisten diffamiert werden, erachten die Mahnung und die Anzeige des Übels als das Gebot der Stunde. Was dagegen getan werden kann ist eine andere Sache. Hier war der Deutsche Gauland ein Stück weit ehrlicher als „populistische“ Kollegen in anderen europäischen Ländern, die mit dem Übel auch gleich schon das Gegengift nennen – so etwa Marine Le Pen vom Front National, welche soziale Schieflagen in Frankreich mit dem Austritt aus dem Euro kurieren wollte und diese Medizin dann kurz vor der Präsidentschaftswahl zurücknahm (was ihr vielleicht den Präsidentenstuhl gekostet hat).

Unabhängig von möglichen oder praktikablen Lösungen ist es heute tatsächlich eine echte Aufgabe, die verwickelten Verhältnisse und die Mauer des Schönredens zu durchbrechen, die sich aufgebaut haben. Die Populisten sprechen vom „System“ und seiner „Lückenpresse“, sie sprechen von abgehobenen Eliten. Sie ernten schroffe Ablehnung bis hin zum Rufmord.

Was hat diese Massenbewegung des Nein verursacht? Was ist es, das die Populisten von heute, die Warner, die Schreckensmaler, die Widerborstigen, die „Stammtisch“-Brüder, so populär macht?

Wäre es so, dass es sich nur um geschäftstüchtige Karrieristen handelt, die ein erfolgreiches Geschäftsmodell darin sehen, den „Wutbürgern“ am „Stammtisch“ nachzuplappern, dann wäre die Aufregung um die Populisten nicht halb so groß. Unter politischen Geschäftsleuten würde man sagen, nein, das ist unlautere Konkurrenz, diese Praktiken dulden wir nicht, weil sich hier einige unzulässige Vorteile am Markt holen. Und tatsächlich scheinen viele Stimmenfänger genau das im Sinn zu haben, wenn sie andere „Populisten“ schimpfen. Doch es steckt viel mehr dahinter.

Der Hauptvorwurf der elitären Politiker ist ja, dass Populisten dem dummen Volk nachrennen und es gleichzeitig verführen, weil die Lösungen, die das Volk wünscht, nicht „realisierbar“ seien, die Populisten aber das Volk in diesem Glauben ließen. Dabei sehen die „Systempolitiker“ aber genau das nicht, was das Volk sehr genau wahrnimmt, spürt und vorausahnt. Hier ist die Schwarmintelligenz wieder einmal klar vor der des Einzelnen, auch noch so Hochgestellten.

 Ganz abgesehen von dem Menschenbild, das hinter dieser angeblich „seriösen“ politischen Haltung steckt, sagen die Anti-Populisten in Wahrheit nicht mehr und nicht weniger, als dass sie sich an den bestehenden Zuständen die Zähne ausbeißen, dass ihr „System“ sich vor lauter „Komplexität“ und Interdependenz bereits jeder Beherrschbarkeit durch Einzelne oder durch den politischen Willen eines Landes entzogen hat. Genau das ist es, wo der „Populist“ den Finger in die Wunde legt. Die in Scharen einwandernden Muslime und Schwarzafrikaner nach Europa im Schlüsseljahr 2015 sind nur das äußere Zeichen,  dafür ein gut fassbares, für alle verständliches Bild von dem, was aus Europa nach 70 Jahren Frieden und Fortschritt geworden ist. Hier scheiden sich die Geister.

Die „seriösen“ Systemtreuen sagen, „Wir schaffen das!“ (Angela Merkel) und meinen gleichzeitig, Europa müsste noch größer werden (Macron, Juncker). Die anderen, die „Populisten“, sagen: „We want our country back!“ (Nigel Farage). Etwas nobler drückt dasselbe Prime-Minister Theresa May aus: „to restore the national self-determination“. Oder wie Alexander Gauland es am 24. September 2017 sagte: „Wir holen uns unser Land und unser Volk zurück!“

Ein einziger Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass die großen Reiche und Gebilde mit ihren „komplexen“ Uhrwerken fast immer den kleineren, selbstbestimmten Einheiten Platz machen mussten – ob das Weltreich Spanien den Engländern, ob die Katholische Kirche den Protestanten oder das Kaiserreich Österreich den Tschechen, Ungarn und Italienern. Es ist keine besonders anspruchsvolle Wette zu sagen, dass die Populisten von heute die Sieger von morgen sein werden. Die Sieger über das „System“.

Wer meint, es würde sich bei den „Populisten“ um verkappte Nazis, Fremdenfeindlinge oder Stammtischplauderer handeln, der hat die Dimension der Sache einfach noch nicht richtig begriffen.

Zwei berühmte Legenden wollen wir uns in diesem Zusammenhang noch einmal in Erinnerung rufen: Wie Alexander der Große den Gordischen Knoten mit einem einzigen Schwerthieb löste, und wie der Neue-Welt-Entdecker Cristobal Columbo ein Ei auf dem Tisch zum Stehen brachte, indem er einfach die Schale eindrückte. Moral von den beiden Geschichten: Wer Großes vollbringt, hat den Mut zu einfachen Lösungen und zieht die durch. Hinterher sagen alle, ja, das hätte ich auch gekonnt.

Unsere Zivilisation heute ist ein einziger großer gordischer Knoten und ein rollendes Ei. Die Frage ist nun, kommt ein Alexander mit Schwert oder ein Kolumbus mit Grips oder beides? Als Populisten, Träumer oder Rattenfänger wären sie vor ihrer revolutionären Tat wohl beide geschimpft worden, von denen, die den großen Knoten verwalten, weil sie letztlich von dessen Unlösbarkeit leben. Womit übrigens auch das Wort „System“ hinreichend erklärt ist.

Georg Dekas

Bildnachweis: (c) Cem Iber Cem Iber (@cemiber) | Instagram photos and videos

Die
Dekas
Seite

Griasti! Des isch di Webseit von Georg Dekas