Ein Bauchladen und eine ältere Dame

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Merans Bewerbung zur “Italienischen Hauptstadt der Kultur 2020”, verfasst im Auftrag der Stadtgemeinde, ist ein wahrer Bauchladen. Der Ausschreibungsbehörde in Rom wird die Stadt Meran als Bazar der 1001 Möglichkeiten angedient. In das Papier ist alles hineingepackt, was in der Rösch-Agenda drinsteht. Zu allem Überfluss bemühen die Verfasser sogar das Bild der älteren, noblen Dame Meran. Eine Dame für jeden Geschmack, für jeden Geldbeutel und jederlei Gast. Vom Hocker reißt das alles nicht. Dafür haben es die politischen Zwischentöne in sich.

 

 “Valligiani” klingt wie “Villani”

In die Zeitung hatte es das rein italienische Papier geschafft, weil es in seiner ersten Fassung und schon im ersten Teil die politischen Prämissen für die Bewerbung zur „italienischen Kulturhauptstadt“ ausbreitet. Die haben es in sich. Als die deutschen Meraner den Schrieb in die Hände bekamen, wurden viele grün vor Ärger. „Valligiani“ seien die deutschen Einheimischen. Das Wort heißt eigentlich nur Talbewohner, aber die akustische Nähe zu „Villani“ drängt sich auf, und das sind im italienischen Weltbild die dumben, bäurischen Dörfler auf dem Lande. „Villano“ bezeichnet einen rohen, ungebildeten, ja niederen Menschen. Vielleicht ist das Wort „Valligiani“ gar mit Genuss gewählt?

Den hiesigen Tölpeln haben wir Bildung beigebracht

Der Verdacht drängt sich auf, weil im gleichen Atemzug den Deutschen eine „mentalità piuttosto chiusa“ angedichtet wird, eine „ziemliche Engstirnigkeit“. Ganz im Gegensatz dazu seien die Italiener vor Ort „assolutamente più cittadini“, also unvergleichlich städtischer, zivilisierter, offener. So etwas lässt die Stadt Meran im Jahr 2017 ungerührt verlauten, und gibt damit dem Duce Recht, der schon 1926 auf seinen falschen Triumphbogen zu Bozen den falschen Satz hatte anbringen lassen: „Hinc ceteros excoluimus“. Frei übersetzt: ‚Den hiesigen Tölpeln haben wir Bildung beigebracht‘. Der Satz steht heute noch hoch über allen Köpfen, mitten im Land Tirol.

Kulturelle Vergewaltigung, nicht Tradition

Überhaupt trägt das Entwurfspapier der Rösch-Verwaltung handfeste chauvinistische Züge. Da ist eine verhüllte Liebe zum „Ventennio“ des großen Diktators zu spüren. Schon im ersten Absatz. Es werden die „vielen rationalistischen Bauten“ Merans und die Entsumpfung der Etschauen als Kulturleistungen „in italienisch-mediterraner Tradition“ hervorgehoben. Dabei wurde der Etschlauf bereits in den 1860ern von der k.u.k. Verwaltung urbar gemacht. In Sinich, wo Mussolini angeblich Sümpfe trocken gelegt haben soll, hat dieser in Wirklichkeit eine ganze Fabrik-Stadt aus dem Boden gestampft samt Bauernhöfen im padanischen Stil, um Zuwanderer aus dem Süden anzulocken. Der gewaltsame Eingriff eines neuen Herrschers ist das, eine kulturelle Vergewaltigung, und nicht, wie im Papier beschönigend gesagt, eine “Tradition” oder ein netter „borgo rurale“. Zwar ist die Modellstadt Sinich aus dem Geist der totalitären Epoche Europas nicht ohne Reiz für Geschichtler, aber sie ist heute nur mehr ein Relikt, verdammt dazu, städtisch überwuchert und überwunden zu werden.

Die schönste Gigantomanie Europas?

Was außer dem „rationalistischen“ Fabrikdorf Sinich bleibt sonst noch übrig an „rationalistischen Bauten“ in Meran? Drei große. Die „Casa del Popolo“, ehemals Sitz der faschistischen Partei, brutal und frech angebaut an die gotische Heilig-Geist-Kirche nahe der Postbrücke; zweitens das Meraner Rathaus, ein ungeschlachter, mächtiger Fascio-Klotz, der das frühere Ensemble Lauben, landesfürstliche Burg und Weingärten am Küchelberg zerstörte; schließlich die Pferderennbahn, die es schon zu selig Kaisers Zeiten gegeben hatte, aber von Mussolinis Baumeistern gigantomanisch vergrößert wurde. Enteignungen von deutschen Bauern waren damals kein Hindernis. Im italienischen Papier der Meraner wird Mussolinis Rennbahn als eine der schönsten in Europa gepriesen. Ja, das gilt für den Rasen, die Bäume und die Büsche. Die Tribüne und die Umfriedung aber stehen in ihrer Verlotterung den Kasernen von nebenan in nichts nach. Für das Militär hatte der große Diktator in den 1920ern ein fast gleich großes Gelände wie für den Pferderennplatz enteignen und verbauen lassen (rund um die kleine Kaserne der Kaiserjäger). Diesen anachronistischen Riesenschandfleck vergisst das Bewerbungspapier freilich ganz. Alles zusammen ein einziger Kulturbruch und Wunden, die nur langsam verheilen. Nichts da mit „italienisch-mediterraner Tradition“ („tradizione italiano-mediterranea“).

Der nationale rote Faden

Kein Wort überhaupt zum Faschismus. Nachsichtig verhüllend spricht das Papier von „L’Italia nazionalista“, um die Italianisierung Merans durch das faschistische Regime zu beschreiben. Nahtlos bis in die Gegenwart zieht sich der „nationale“ Faden weiter. Heißt es doch im Kapitel Marketing und Kommunikation tatsächlich, dass der “turismo nazionale” die Eingeborenen wenig freundlich empfindet. Gemeint sind die italienischen Urlaubsgäste von heute. Das alles trieft vor Tricolore.

Ein Schaufenster der ethnischen Fusion

Der Unfreundlichkeit und der Engstirnigkeit der deutschen Einheimischen wollen nun die städtischen, aufgeschlossenen, so austauschfreudigen Stadtväter etwas entgegensetzen. Meran soll italienische Kulturhauptstadt 2020 werden, damit die ganze Republik sehen kann, wie durch das Zusammenführen aller Kultur- und Sportvereine, Schulen und Zusammenkünfte aus verstockten deutschen Dorftrotteln doch noch artig parlierende Italiener gemacht werden können. Meran als „modello virtuoso“, als Vorzeigemodell für die interethnische Fusion. Auf diese Grundlage baut, auf diesen Schlachtruf hört die gesamte Meraner Unternehmung hin zur Kulturhauptstadt Italiens.

Schutzschild gegen Selbstbestimmung

Das Meraner Papier trägt also einen klaren „nationalen“ italienischen Stempel in der Farbe Schwarz. Der erste, programmatische Abschnitt spricht es deutlich aus. Die „italienische Kulturhauptstadt“ soll ein Schutzschild sein gegen das im Volk immer stärker werdende Gefühl, dass eine Loslösung vom italienischen Staat nicht so ganz dumm wäre. Das Bewerbungspapier, das sich an die regierenden Römer richtet, spielt diese Bestrebungen zwar herunter („rückwärtsgewandt“), aber um die Notwendigkeit einer Gegenmaßnahme zu begründen, geben die Verfasser immerhin zu, dass es sich um etwas Beharrliches handelt („voci antistoriche, ma insistenti“).

 Respekt geht anders

Die Gegenmaßnahme, zu der das Jahr als italienische Kulturhauptstadt den Auftakt und das Schaufenster geben soll, besteht, wie gesagt, in einer zügig verstärkten sprachlichen Verschmelzung über alle Bereiche des öffentlichen Lebens der Stadt hinweg. Zwar sprechen die Verfasser des Papiers zu Anfang von zwei „Gemeinschaften“, der deutschen und der italienischen, die in der Stadt Meran „im Gleichgewicht“ seien und somit ein Vorbild für das friedliche Zusammenleben der Volksgruppen. Wer aber das Wechselspiel von Macht und Sprache kennt, weiß jetzt schon, dass es bei einem Erfolg der Meraner Vermischungspolitik ein sicheres Opfer geben würde: das deutsche, das unverwechselbare, das heimelige Meran. Respekt geht anders.

 Etikettenschwindel: Meran ist keine italienische Stadt

Damit es für alle klar ist: Unser Land war in der österreichischen Zeit (bis 1918) bei Mehrsprachigkeit, Kultur, Toleranz, Minderheitenrechten und Verwaltung im Verhältnis gesehen weiter als heute. In Technologie, Baukunst, Wirtschaft, Wissenschaft, Medizin usw. waren Schwung und Können damals überragend und bespielhaft. Mit dieser reichen und sehr zivilen Tradition im Rücken wollen wir Tiroler deutscher, ladinischer und italienischer Muttersprache, zusammen mit allen früher oder später zugewanderten Menschen guten Willens, die Möglichkeiten unserer Zeit nutzen für eine bessere Zukunft, eine Zukunft, die den abgrundtiefen Einbruch von 1914 bis 1972 überwindet. Das geht nur, wenn Wahrheit und Klarheit herrscht im Umgang miteinander und wenn in allen Wirkbereichen der Gesellschaft das Bessere der Feind des Guten ist. Die nicht aufgearbeitete “nationale” Vergangenheit und ein oberflächlicher Dünkel von italienischer Seite sind dem nicht förderlich, und noch weniger die Bussi-Bussi-Mode des “politically correct” in den rot-grün-bürgerlichen Kreisen der städtischen “Gemeinschaften”. Am wenigsten braucht es einen trikoloren Etikettenschwindel. Meran ist ganz einfach keine italienische Stadt.

Jene deutschen Meraner Amtsträger, die dieses Papier, auch in seiner späteren, bereinigten Fassung, mit nach Rom tragen, müssen sich vorhalten lassen, dass sie vor lauter Publicity-Gier ihre …Haut wohlfeil zu Markte tragen. Die ältere Dame lässt grüßen. Bleibt zu hoffen, dass aus dem Bauchladen der Marke Rösch am Ende nicht mehr werde als eine Bauchlandung der Marke Rom.

 

 

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