Mauern und Zäune sind Kultur

Porphyr Mauer rund Magdalena

In meinem Heimatort Lana, früher ein behäbiges, reiches  Bauerndorf, heute eine Stadt, die keine sein will, steht mitten im Kreiselgrün einer der meist befahrenen Straßen (von Meran zum Gampenpass) eine Art von Plakat, eher schon eine längliche Stele aus Papier. Zäune-LoppIm Bild: Der Burggräfler Fehlgriff. Das Plakat wurde inzwischen entfernt.(Quelle: salto.bz)

Darauf, lebensgroß abgebildet, ein Mann in Burggräfler Tracht, dem so genannten Kurzbairischen. In der Hand hält er ein Täfelchen, auf dem handgemalt geschrieben steht: „Tutti uniti contro steccati e muri“. Das, wenn man von der oberen Seite her auf den Kreisel einfährt. Von unten herauf liest sich das Täfelchen: „Alle vereint gegen Zäune + Mauern“. Vom Absender kein Buchstabe. Bei guter Werbung ist das anders. Da weiß jeder sofort, mit wem er es zu tun hat. Unbekannte Schaukünstler haben sich also richtig angestrengt. Um die Genehmigung beim Bürgermeister und bei der Straßenverwaltung angesucht, das Geld zusammengelottert, das Ding gemacht und aufgestellt. Was sie damit sagen möchten, erschließt sich nur geeichten „Tagesschau“- oder „Heute Journal“-Sehern, denen bei Wörtern wie Zaun und Mauer als erstes Orbans und Makedoniens Flüchtlingszäune und dann die große gedachte Trump-Mauer zu Mexiko einfallen. Was der einfältig wirkende Kerl in der hiesigen Bauerntracht für eine Rolle dabei spielen soll, ist noch härter zu schlucken: ‚Seht her ihr Reisenden, jeder uralt Eingeborene, ja sogar der letzte Heimatfreak hier muss doch, soll doch bitte, gegen Zäune und Mauern sein.

Dass der im realen Leben sich so urdeutsch fühlende Burggräfler Bauer ein „walsches“ Tafele hochhalten muss, ist schon Watsche genug. Aber dass auch nur ein einziger Burggräfler Bauer gegen Zäune und Mauern sein sollte, und noch dazu einer in Tracht, das ist das Letzte. Denn, meine Herren Künstler, der Burggräfler Bauer ist kein Hinterwäldler und erst recht kein gutmeinender Trottel, er ist ein Kulturmensch durch und durch. Das heißt, er liebt Zäune und Mauern. Schaut Euch doch um! DSC_1106Im Bild ein Almzaun auf dem Vigiljoch, von einem nichtbäuerlichen  Investor „auf alt“ errichtet. (Foto: G. Dekas)

Dieses Land ist voller Zäune, bis hinauf unter die Gipfelspitzen. Dieses Land liebt die Mauern! Nicht nur die des wohnbauförderlich  aufgezogenen Eigenheims. Es sind die Mauern der ehrwürdigen Klöster, der stolzen Burgen und der herrschaftlichen Ansitze, die unserem Land im Herzen der Alpen ein ewig adeliges Gesicht verleihen. DSC_0086

Im Bild: Das Tor zum Deutschordenshaus in Sarnthein (Foto: G.Dekas)

Denkt an einen einfachen Klostergarten, wie der im Konvent von Lana etwa, nur drei Steinwürfe von diesem läppischen Bild entfernt. Die Mauer des Gartens, sie ist Schutz. Sie schützt das Gedeihen im Garten, sie sichert dem Fleißigen seine Frucht und seinen Frieden. Nicht umsonst heißt es im Deutschen Einfrieden, wenn man Wälle oder Zäune rund um etwas Kostbares zieht. Denkt an die Stadtmauern von Meran oder Fahne Forst

Im Bild Schloss Vorst/Algund: Mauern und Rebhänge (Foto: G. Dekas)

Glurns oder Wien oder Verona und denkt daran, was man schon vor tausend Jahren sagte: „Stadtluft macht frei!“ Ja warum wohl? Weil die Freiheit, eines der größten menschlichen Güter und Errungenschaften, nur innerhalb eines wohl verteidigten Schutzbereichs dauerhaft bestehen und gedeihen kann. Heute sind die Mauern, hinter denen die Freiheit wohnt, oft unsichtbar, ihre Feinde, die sie rauben wollen, auch, aber das alte Prinzip der Mauer ist allen gemeinsam bis hin zum Firewall meines Rechners. Zäune und Mauern sind Kultur. Jeder kann das verstehen. Warum wohl besichtigen Millionen von Reisenden jährlich die Große Mauer in China? Nur weil sie ein mächtiges Bauwerk ist? img081

Im Bild: Die Große Mauer, aufgenommen im Jahr 1977 (Foto: D. Zuegg)

Nur weil es so beeindruckend ist, dass Millionen „blauer Ameisen“ sie unter unsäglichen Mühen gebaut haben? Auch. Aber vor allem, weil „The Great Wall“ der Schutzwall und der Ring ist, die das feinste Ming-Porzellan, die geheimnisvollsten Schriftzeichen und die kostbare Blüte des Reichs der Mitte einfrieden und einfassen. So weit weg müssen wir nicht verreisen, um Mauern zu lobpreisen.

Mein Haus, mein Hort

Ich bewohne in Lana ein Kopf-Reihenhaus, dritter Hand gekauft, das hatte ursprünglich ein Stümperzäunchen drum herum. Dahinter ein gewollt vorzeigbarer Ziergarten mit einer ortsfremden, exotischen Papyrusstaude als Blickfang. Alles wollte sagen, schau her, ich bin jetzt so reich, dass ich keine Rüben und Kohlköpfe mehr an der Hauskante setzen muss, und ich bin meiner Habe so sicher, dass ich keine wirkliche Befestigung mehr brauche. Der Ansatz eines Zäunchens tut es auch, sozusagen als Reminiszenz bäuerlicher Vergangenheit.

Mit diesem kleinbürgerlichen Vorzeigestolz haben wir neuen Eigentümer Schluss gemacht. Wir zogen, unter großen Widerständen der Nachbarschaft, eine richtige Klostergartenmauer auf, füllten dahinter mit Mutterboden auf und haben uns im Verlauf der Jahre einen wahren „Hortus“ geschaffen, in dem für Schönheit und Gaumenfreuden gleich wohl gesorgt ist. Ja, Hortus, das lateinische Wort für eingefriedeter Garten ist wesensverwandt mit dem deutschen „Hort“ (Nein, Hort kommt nicht von Hortus!) – der beschützte Ort, an dem Schätze, Herzen und Leben gehütet werden. Sicher, man kann, wie die Vögel, ein Nest nur aus Halmen bauen, oder wie die Almbauern einen Zaun aus zierlichen kleinen Holzstämmen mit viel Luft dazwischen. Aber eine schöne Mauer aus Stein – was könnte den Geist der Zivilisation, der Sicherheit und der Freiheit besser darstellen? Bei uns in Tirol aus Granit, Sandstein oder Porphyr, im hohen Norden aus Backsteinen, im mediterranen Süden aus weiß gekalktem Mörtel.

Alle Kulturen, und noch mehr die in Tracht als die ohne, sie sprechen alle zusammen: Für Zäune und Mauern!

Titelbild: Weinbergmauer aus Porphyr bei St. Magdalena/Bozen (Foto: G. Dekas)

 

 

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