Was Luther hinterlassen hat

Das Luther-Haus in Eisenach
Das Luther-Haus in Eisenach

2017 ist das Lutherjahr. Anlass zur Würdigung, aber auch Kritik an einem großen Deutschen. Dass die Luther-Debatte sogar bis an die Passer schwappt, hat sich kaum jemand vorstellen können. Aber seit die Rösch-Verwaltung der evangelischen Kirchengemeinde an der Passerpromenade zugesagt hat, den nahe gelegenen Flusssteg nach Martin Luther zu benennen, meldet sich eine streitbare Stimme aus Partschins, die heftig gegen Luther wettert.

In einem ersten Leserbrief an die Dolomiten zog sie die Zitate des Bauernfeindes heraus und nannte Luther einen Wendehals, im zweiten hier unten wiedergegebenen Brief sieht diese Stimme, die der Partschinser Bäuerin und STF-Gemeinderätin Getraud Gstrein gehört, Martin Luther als den Quell aller Übel, die die deutsche Nation noch heute bedrücken.  Im Anschluss daran ein Antwortbrief.

Die Folgen der Reformation – von Gertraud Gstrein, Partschins, Leserbrief Dolomiten 22.03.2017, S. 20

„Die evangelische Kirche kann sich das Luther-Bild zurechtlegen, das sie will. Das sei ihr unbenommen. Historische Fakten sind etwas anderes. Was Luther wirklich hinterlassen hat, ist ein Studienobjekt für Germanisten, eine entzweite Christenheit, ein tief gespaltenes deutsches Volk und ein geschwächtes Deutsches Reich. Das Volk ist es immer noch, und das Reich ist schon 1806 an dieser Schwäche eingegangen. Der Dreißigjährige Krieg und der deutsche Dualismus seien nur als Stichworte genannt. Noch ein Wort zu Südtirol: Luthers Reformation war es, die den italienischen Drang nach Norden ausgelöst hat, zuerst mit der Italianisierung des Trentino (zu Luthers Zeiten noch zu einem Fünftel Deutsch und zu einem Drittel Ladinisch), dann mit dem Vordringen nach Südtirol.“

Die Reformation und wir – eine Antwort von Georg Dekas, Lana

Sehr geehrte Frau Gertraud Gstrein, Ihr Eifer für Glaube und Heimat ist bewundernswert, aber finden Sie nicht auch, dass Sie übers Ziel hinaus schießen? Ihre Abneigung gegen den Doktor Luther haben Sie zur Kenntnis gebracht. Nur sind geschichtliche Wertungen noch keine „historische Fakten“. Es würde mich freuen, wenn Sie die nachfolgende Sicht der Dinge Ihr strenges Sittenbild von Martin Luther und Deutschland etwas mildern würde.

Martin Luther hat die deutsche Sprache nicht nur geprägt, sondern sie zur Volkssprache einer großen Nation gemacht. Martin Luther hat eine Bewegung ausgelöst, die viel größer wurde, als es sein Ansinnen war, aber diese Bewegung hat nicht nur zu Blut und Tränen ohne Ende, sondern auch zum Besten geführt, was Deutschland und die nordischen Länder  ihr eigen nennen dürfen: Landeshoheit, Gewissensfreiheit, Eigenverantwortung, Fleiß, Ehrlichkeit, Tüchtigkeit, Selbständigkeit, Gründlichkeit. Alle diese Tugenden werden im katholischen Süden auch Dank Luther nicht zu Unrecht „deutsche Tugenden“ genannt. Umgekehrt gesagt: Der deutschen Reformation verdanken wir das heilsame Misstrauen gegen multinationale Eliten, große Funktionärsapparate und betrügerisch geschliffene Worte und Umgangsformen.

Das Römische Reich Deutscher Nation ist übrigens ganz ohne Luther eingegangen. Das hat ein gewisser Bonaparte besorgt. Und wenn Sie meinen, dem wackeren Thüringer auch noch das Vordringen der Italiener im südlichen Tirol anlasten zu können, dann staune ich. Sie haben schon Recht, wenn sie in der römischen Gegenreformation eine der Ursachen des sprachlichen Wandels in Welschtirol ausmachen, aber vergessen Sie bitte nicht, dass auch Tirol um ein Haar protestantisch geworden wäre. Nur die geballte Macht von Kirche und Kaiser konnte das abwenden. Am Aufbegehren der Tiroler hatte Luther wennschon ein Verdienst, denn die Tiroler kämpften mit dem evangelischen Wort auf den Lippen gegen die Unterdrücker in Gestalt der kirchlichen und weltlichen Grundherren, für die der Glaube vor allem ein Geschäft war. Sie hätten auch Recht, wenn wir gemeinsam den Blick ins Jahr 1861/1866 werfen. Wenn der protestantische Preuße Otto von Bismarck unserem Österreich nicht in den Rücken gefallen wäre, hätte das Königreich Italien noch länger auf seine Geburt warten müssen. Aber kann man Martin Luther oder sonst jemanden für ein ‚Was-wäre-wenn‘ verantwortlich machen?

Sie greifen noch den oft gehörten Vorwurf des „Spalters“ auf. Das klingt zunächst einleuchtend, dahinter verbirgt sich aber ein verführerischer Denkfehler. In der Betrachtung und Bewertung von Geschichte ist es immer faszinierend, sich vorzustellen, was geworden wäre, wenn, oder wenn nicht… Ein erbauliches Spiel,  aber kein geschichtliches Urteil. Martin Luther als Spalter der Kirche und Deutschlands zu bezeichnen setzt voraus, dass es ohne ihn zu keiner Spaltung oder wie Sie sagen, Schwächung Deutschlands gekommen wäre. Das aber wird nie jemand wissen können, weil eben die Geschichte nur einen Gang hat und keinen anderen. Ob das Volk, die Kirche und das Reich ohne Luther stärker, einiger, deutscher wären? Denkbar, wünschbar. Vor dem Jahr 1517 jedenfalls waren sie all das  nicht.

Zum Schluss noch: Sie haben in einem vorherigen Leserbrief politisch höchst inkorrekte Aussagen Martin Luthers wiedergegeben. Ich muss Ihnen aber beichten, dass mir die ärgste Grobheit Luthers lieber ist als die frömmelnde Heuchelei damaliger und heutiger Fürsten samt ihrem satten Hofgesinde.

Mit freundlichen Grüßen, Georg Dekas

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