Demokratischer Patriotismus?

Marianne_Delacroix

Der „grüne Vordenker“ Ralf Fücks (Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin) wirbt auf welt.de für einen „demokratischen“ und „linken“ Patriotismus. Gegen „Pegida, AfD & Co“. Warum das nicht funktionieren kann.

Im Gegensatz zu den „rechten Schreihälsen“ und ihrem „mystischen Nationalismus“, der aus „gemeinsamer Abstammung“ erwächst, möchte er einen „Verfassungspatriotismus“ linker Prägung haben, der die Nation als „politische Gemeinschaft freier Bürgerinnen und Bürger“ begreift. Dieser „neue“ Patriotismus vertrete ein „weltoffenes, tolerantes Deutschland“ gegen das „Zerrbild eines altbackenen, sich gegen Fremde abgrenzenden“. Das politische Leitbild sei „die Einbettung Deutschlands in die Europäische Union und das transatlantische Bündnis“, betont Fücks.

Soweit nichts Neues aus der linken Reichshälfte, weder im Inhalt noch im Austeilen von (ab-)wertenden Attributen. Vielleicht sollte der Vordenker, was das angeht, sich auch im demokratischen Nachdenken üben. Was den „Die Welt“-Beitrag – übrigens eine Werbeaktion für das Buch von Fücks – lesenswert macht, ist der Versuch, Patriotismus und Nation für die „linke“ Seite zu retten. Wohl in der Absicht, ein Gegengift für den politischen Gegner zu entwickeln. Doch wie sich der Vordenker auch anstellt, daraus wird nichts.

Beide Begriffe, Patriotismus und Nation, sind an Abstammung, Blutsbande und familiäre Vertrautheit geknüpft. Im einen steckt das Wort Vater drin, im zweiten das Wort Geburt. Wenn Fücks meint, er könne die Geburt des linken Patriotismus in der französischen Revolution orten, dann soll er sich noch einmal die Marseillaise, die Nationalhymne der Franzosen, anhören und mitsingen. „Allons, enfants de la patrie“ – Auf, Kinder des Vaterlands! Dieser poetisch überhöhte Ausdruck für Volk ist hier nicht nur eine deutliche Abgrenzung zum kosmopolitischen Adel (Marie Antoinette, eine Wienerin), sondern verwendet das Wort Kind bewusst, um zu sagen, wir, hineingeboren in dieses unser Land, ausgestattet mit dem Geburtsrecht der legitimen Nachkommen und Erben, wir kommen jetzt.

Fleisch vom gleichen Fleisch, Blut vom gleichen Blut, dieser „native“ Gedanke ist der Urgrund eines jeden Patriotismus. Und das meinte übrigens die „Egalité“ damals im Bund mit der Freiheit und Brüderlichkeit. Lauter Familienbande also. Oder wie sagen die Italiener so schön und kurz: „I nostri“ (Die Unsern). Damit ist alles gesagt.

Alles das verträgt sich ganz schlecht mit dem umerzogenen deutschen Bundesbürger, dem das „Unsere“ gründlich ausgetrieben wurde, und der bei Geburt und Vaterland, o Schreck, als erstes Blut und Boden heraushört. Verbotene Gedanken. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, flüchtet sich Fücks in eine blutleere und rein rational auf den Buchstaben des Grundgesetzes aufbauende „politische Gemeinschaft“. Wo bitte sieht der gute Mann da Gemeinschaft? Er, der die Individualrechte über alles stellt?

Müssten ein schwuler Schauspieler, ein städtisches Prosecco-Weib und ein frommer Biedermann das Heimatland mit ihrem Leben verteidigen – was gäbe ihnen die Kraft für das unbedingte Miteinander im Kampf ums Überleben? Die Freiheit, dass jeder tun und lassen kann wie ihm beliebt? Oder eine Verfassung, die nur Lehrer und Richter halbwegs kennen? Nein, beides ist nicht der Kitt, den es in Notlagen und vor Herausforderungen braucht.

Insofern ist die Auffassung von Herrn Fücks ja ganz unverkennbar ein Kind der Zeit, als die Deutschen unter dem Schirm Amerikas und des westlichen Wohlstandes sich nie mit einer „nationalen“ Herausforderung beschäftigen mussten oder durften. Dieser Zustand soll in die Zukunft gerettet werden. Den politisch kastrierten Kindern Deutschlands geht es ja so wunderbar. Und damit den Jünglingen keine behaarten Eier nachwachsen, setzt die Macht ein Rasiermesser mit scharfer, doppelter Klinge ein. Dieses unsichtbare, aber allgegenwärtige Messer hat auf der einen Seite eingraviert das Wort „Nazi“, auf der anderen Seite das Wort „Holocaust“. Krieg und Verderbnis sind eine Sache und eine bittere Erfahrung. Hier reden wir vom politischen Geschäft mit den Opfern.

Was Herr Fücks nicht zu sehen scheint, ist, dass es den „rechten Schreihälsen“ genau darum geht, nicht mehr in diesem Nachkriegs-Zustand verordneter Schuld und Unmündigkeit verharren zu wollen. Die Einwanderer aus dem Mittleren Osten und aus Afrika sind nicht der Grund für AfD und Pegida, sondern der Auslöser, der die ersten Gehversuche als selbständige Nation in Gang gesetzt hat.

Um es klar zu sagen, die Deutschen wollen nicht mehr mit der Arschkarte im Gesicht leben. Die, die ihnen die „Internationale Gemeinschaft“, also Washington, zuordnet. Deren Kurzformel da lautet: Brav arbeiten, für Europa und die Welt blechen, Zuwanderer aufnehmen, Klappe halten und uns andere walten lassen. Schön „eingebunden“, wie es Fücks formuliert.

Was der grüne Vordenker ebenfalls nicht zu sehen scheint, ist, dass die in der Öffentlichkeit auftretenden Personen wie Höcke, Bachmann, von Storch usw. nur die Spitze eines riesigen Eisberges sind. Das, was sie sagen, denkt mehr als halb Deutschland. Nur weiß mehr als halb Deutschland auch, dass man Vieles nicht offen sagen darf, was für andere Nationen selbstverständlich sein mag. Der Eisberg der geknebelten Mehrheit ist zurzeit im Begriff, an die Oberfläche zu kommen. Alles versucht, die Wiedergeburt deutschen Selbstbewusstseins als Nation zu verhindern und es wieder unter die Wasseroberfläche zu drücken.

Ein „demokratischer“ Patriotismus, den es nicht gibt und nie geben kann, kann folglich auch nicht jenes Gewicht erzielen, um das ganz natürliche Hervortreten des Berges aufzuhalten. Was es hingegen sehr wohl gibt, das ist die gewachsene, durchaus auch veränderliche und erneuerbare nationale Gemeinschaft, die den demokratischen Rechtsstaat mit tiefer Überzeugung lebt. Das bekunden zum Beispiel die mehrsprachliche Willensnation Schweiz ebenso wie die monolithische „Grande Nation“ Frankreich. Deutschland ist lediglich auf dem Weg, in die europäische Normalität zurückzufinden.

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