Das Kreuz mit den „Laien“

Foto: Pixabay/MartinStr
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„Aufgeschlossene“ wie Brigitte Foppa meinen, das Christenkreuz solle aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden. Arno Kompatscher findet, Andreas Hofer sei für das „Neue“ nicht offen gewesen. Sind denn alle rückständig, die Gott und Vaterland verteidigen?

Bemerkenswert, bemerkenswert. Staatssekretärin Muna Duzdar (SPÖ) hatte in der Hauptstadt gemeint, das „Neutralitätsgebot“ im Öffentlichen Dienst verlange, dass man „mit allen Religionsgemeinschaften“ diskutieren müsse, ob das Kreuz in Gerichtssälen und Schulen bleiben könne. Minister Sebastian Kurz antwortet trocken: „Das Kreuz bleibt“ (Der Kurier, 02.02.2017).

Die Südtiroler Grünen-Abgeordnete Foppa fühlt sich bemüßigt, der roten Schwester in Wien beizustehen und spricht sich für die Entfernung des Kreuzes aus Klassenzimmern und sonst aus. Sie tut das mit Berufung auf die so genannte Laizität des Staates und dem Schlachtruf „Religion ist Privatsache“. (Tageszeitung Online, 04.04.2017). In herziger Unterlandler Toleranz meint sie, Religionen gäbe es heute nämlich viele und überhaupt sei auf dem Nachtkastl  der richtige Platz fürs Kreuz.

Schauen wir, was da noch auftaucht nach diesem Bunt&Kulti. Richtig, die Andreas-Hofer Feiern am Sonntag den 19. Feber 2017. Meist in Friedhöfen voller Kreuze im öffentlichen Raum! Und welcher Held wird hier geehrt? Der Tiroler Bauernanführer Andrè Hofer, Sandwirt, glorreicher Sieger in drei Bergiselschlachten gegen das Feldherrngenie Napoleon Bonaparte und sein Frankreich, das in der Revolution ab 1789 brutal gegen das Kreuz vorgegangen war. Wie König und Adel wurde von Paris aus auch die Kirche per Guillotine und Enteignung um Kopf und Körper gebracht. Auch das wollten Hofer und sein Pater Haspinger von der Heimat und ihrem hochverehrten Kaiser Franz abwenden. Mit dem Einsatz des Lebens. Der Erfolg des Tiroler Widerstandes gegen Napoleon in den Jahren 1805 bis 1809 begründete nicht nur den Mythos Hofer, sondern auch das geflügelte Wort vom „Heiligen Land Tirol“. Dass auf jedem Tiroler Berg ein Gipfelkreuz steht, bekundet letztlich die Ereignisse jener Zeit.

Wie wir aus der Geschichte wissen, war die Glorie Napoleons und des gottlosen Frankreichs von kurzer Dauer. Bereits mit dem Wiener Kongress holten sich ab 1815 Krone und Kreuz ihren Platz zurück. In ganz Europa, von Gibraltar bis zum Ural. Wäre da nicht das Bürgerliche Gesetzbuch Napoleons gewesen und seine Franzosen, die der ganzen Welt gezeigt hatten, zu welch großartigen Leistungen eine patriotische und freiheitliche Inbrunst fähig ist, wenn es gegen unnatürliche Herrschaft geht – die Welt hätte die Französische Revolution und Napoleon auf immer in ein Museum sperren und dort verstauben lassen können.

In Spanien und Italien hat die Katholische Kirche im 19. Jahrhundert ihre wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Macht wieder zurückerobert und ist bis in unsere Zeit jüngste hinein eine mächtige politische Kraft geblieben, trotz der späteren formalen Trennung von Kirche und Staat. In den protestantischen Staatskirchen des Nordens war die Trennung von Staat und Kirche seit der Reformation nie mehr ein Problem. Dort ist die Staatskirche  bald schon 500 Jahre alt.

Den Franzosen ist es erst hundert Jahre nach Napoleon I. wieder gelungen (im Jahr 1905), Staat und Kirche zu trennen. Im restaurierten katholischen Frankreich war es nämlich zu einer Art liberalen Gegenbewegung gekommen, welche die Idee des Laizismus propagierte. Ihr Begründer, der spätere Friedensnobelpreisträger Ferdinand Buisson, setzte sich in den 1870er Jahren für einen religionsfreien Schulunterricht ein. Die Bewegung des Laizismus ging und geht von der Vorstellung aus, dass der Staat jede Religion auf gleichem Abstand von sich fernhalten sollte.

Doch die religiöse Neutralität des Staates ist und war immer schon eine Chimäre. Religion und Staat sind nur die zwei Seiten ein und derselben Münze. Das Edikt des römischen Kaisers Konstantin ist hierfür Kronzeuge. Religion ist immer Politik und Staat immer Religion, auch und oft gerade dann, wenn der Staat vorgibt, die Religion abschaffen oder mit ihr nichts zu tun haben zu wollen.

Im jungen 20. Jahrhundert war in der Welt wieder einmal Umbruch angesagt. 1917 putschten sich die Bolschewiki im sterbenden Zarenreich an die Macht. Der neue Gott hieß Lenin und dann Stalin, die Staatsreligion war der Sowjet-Kommunismus. 1921 putschten sich die Schwarzhemden im königlichen Italien an die Macht. Der neue Gott hieß Mussolini und die Staatsreligion war der Faschismus. 1923 putschten sich die Kemalisten im soeben verstorbenen Osmanischen Reich an die Macht. Der neue Gott hieß Mustafa Kemal Atatürk, die neue Religion war die „Moderne“, also keine.

Denn die Leitvorstellung von Mustafa war der französische Laizismus. Aus diesem Grund ist das Beispiel Türkei auch eine weitere Betrachtung wert. Als der Revolutionär Atatürk die Vorherrschaft der Religion im Staat zurückdrängte und so die „moderne“ Türkei gründete, wurde das vom Westen, genauer gesagt von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges, gerne gesehen. Es störte sie nicht, dass es eine Autokratie war, so wie die von Recep Tayyip Erdoğan heute, nur eben mit umgekehrten Vorzeichen.

Denn Westler haben die Angewohnheit, Revolution und Fortschritt gleichzusetzen, beginnend bei der französischen (1789) amerikanischen (1792) Revolution, weiter über das Revolutionsjahr 1848 in Europa, die Russische Revolution 1917 oder eben die türkische 1923.

Die faschistische und nationalsozialistische Revolution hat aus bekannten Gründen nicht die Adelung einer Fortschrittsbewegung erhalten, obwohl sie beide dies unzweifelhaft waren.

Und so nimmt es die westliche Denkart arg Wunder, warum in der Türkei jetzt plötzlich ein Gegenzug stattfindet. Sind die Türken gar gegen den Fortschritt? Was zur Hölle ist in diese Muslime gefahren, dass sie überall ihren Gottesstaat wieder aufrichten?

Ja, die Ayatollahs in Persien haben ihre Revolution 1979 erfolgreich in die Gegenrichtung gemacht. Im Iran ist die Geistlichkeit und der Staat eins. Junge Iraner können innerhalb der eigenen Hausmauern westlich kleiden, leben, sich unterhalten, aber wenn sie vor die Haustüre gehen, gilt das Gesetz des Religionsstaates. Die Türkei Erdoğans geht auch in diese Richtung.

Offensichtlich ist der Drang Richtung Religion in der muslimischen Welt wieder stark im Kommen. Die Gründe dafür liegen im Grunde gar nicht so tief. Es geht um das Wiedererwachen von einst großen Reichen im  Mittleren Osten, die durch den Petro-Imperialismus der Kriegsgewinner von WK I und II so lange gedemütigt und in Abhängigkeit versetzt worden waren.

Die Sache ist einfach. Wenn auch der Gegner alle Gewehre und Kanonen hat, deinen Geist kann er damit nicht erschießen. Der Geist von vielen Menschen zusammengeschlossen und rückgekoppelt, das ist Religion: Eine uneinnehmbare Burg und stärker als jede Kernwaffe. Übrigens macht Israel, die Bastion des Westens in der feindlichen Welt des Halbmonds, selbst auch keinen Hehl daraus, dass der Staat und die jüdische Konfession ein und dieselbe Sache sind – und es ist auch deshalb so stark.

Der so genannte „Arabische Frühling“ in Tunis, Kairo und Damaskus hat erst jüngst gezeigt, dass westliche Konsumwerte wie Facebook usw. weder genügen noch es fertig bringen, Revolutionen im westlichen Sinn auszulösen. Ganz im Gegenteil, der Krieg in Syrien und in Afghanistan ist ein bitteres Zeitzeugnis für das erlöschende Feuer des Westens. Es ist fast schon ein Wunder, dass sich die führende Weltmacht USA durchgerungen hat, ein Zeichen ihres Überlebenswillens zu geben, indem die Bürger Donald Trump zum Präsidenten wählten. Was daraus wird, weiß niemand, aber die Heftigkeit, mit die Geld- und Glitzerwelt diesen Mann angreift, lässt vermuten, dass das Volk ins Schwarze getroffen hat und es vorbei sein soll mit dem Relativismus und der Konsumreligion, die beide das einst so stolze „god’s own country“ geistig, moralisch und auch wirtschaftlich verwüsten.

Ob Kreuz, Halbmond oder Davidstern – die Vorstellung, dass ein Staat mit den französischen Idealen von 1789 bestehen könne, die ist schon mit Napoleon gescheitert und die scheitert heute erneut. Denn wir stehen heute auch im Westen vor einer neuen Restauration – ähnlich wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Jene Rückbesinnung auf konservative Werte, welche den Schub für die glanzvolle Entwicklung Europas in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gegeben hat.

Nach dieser Gesamtschau entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, was im Jahr des Herrn 2017 der Landeshauptmann eines klitzekleinen Landes im Herzen Europas von sich gibt. Er zieht sich zur Andreas-Hofer-Feier in das kleinstmögliche Bergnest zurück und zupft von dort aus dem aufrechten Hofer am Rockzipfel. Schattenseiten habe er gehabt, konservativ sei er gewesen, er habe „das Neue“ nicht aufgeschlossen und begeistert genug an sich herangelassen. In der Tat, seinen Arsch hat Hofer niemandem hingehalten, auch wenn er als Wirt und Rosshändler alles andere war als ein verschlossener Wurzelsepp. Das Schicksal des sandwirts ist niemand zu wünschen und die harten Zeiten von damals sind  kein Ideal, das man wieder herstellen müsste. Aber Gott und das Vaterland zu verteidigen, das wird man aus den Herzen der Menschen niemals hinausreden und hinausprügeln können. Das zeigt die Geschichte klar.

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