Essay | Das Kreuz bleibt

Kreuz an Spitalskirche in Wien (Otto Wagner) - Bild G.J. Dekas (c) 2018
Kreuz an Spitalskirche in Wien (Otto Wagner) - Bild G.J. Dekas (c) 2018

Der aktuelle Anlass

Staatssekretärin Muna Duzdar (SPÖ) meint,  man müsse „mit allen Religionsgemeinschaften“ diskutieren, ob das Kreuz in Gerichtssälen und Schulen bleiben könne. Minister Sebastian Kurz antwortet trocken: „Das Kreuz bleibt“ (Der Kurier, 02.02.2017). Die Südtiroler Grünen-Abgeordnete Brigitte Foppa fühlt sich bemüßigt, der roten Schwester in Wien beizustehen und spricht sich für die Entfernung des Kreuzes aus Klassenzimmern aus: „Religion ist Privatsache“. (Tageszeitung Online, 04.04.2017).

Religion Privatsache? Großer Irrtum.

Nicht einmal die moderne  Geschichte und aktuelle Politik kommen ohne Religion klar. So zum Beispiel war die Glorie Napoleons und des gottlosen Frankreichs von kurzer Dauer. Bereits mit dem Wiener Kongress holten sich ab 1815 Krone und Kreuz ihren Platz zurück – von Gibraltar bis zum Ural. Wäre da nicht das Bürgerliche Gesetzbuch Napoleons gewesen – die Welt hätte die Französische Revolution und Napoleon auf immer in ein Grusel-Museum sperren  können. In Spanien und Italien hat die Katholische Kirche im 19. Jahrhundert ihre gesellschaftliche und politische Macht  zurückerobert und ist bis in unsere Zeit hinein eine mächtige politische Kraft. Trotz Papst und trotz der formalen Trennung von Kirche und Staat, die sich aufgrund der Ideen des „Laizismus“ von F. Buisson (Friedensnobelpreis !) kurz durchsetzte. Eine ideologische Chimäre.

Religion und Staat sind zwei Seiten ein und derselben Münze. Das Edikt des römischen Kaisers Konstantin beweist es. Religion ist immer Politik und Staat immer Religion, auch und oft gerade dann, wenn der Staat vorgibt, die Religion abschaffen oder mit ihr nichts zu tun haben zu wollen.

Neue Götter

1917 putschten sich im sterbenden Zarenreich die Bolschewiki  an die Macht. Der neue Gott hieß Lenin, dann Stalin, die Staatsreligion war der Sowjet-Kommunismus. 1921 folgten die Schwarzhemden in Italien. Der neue Gott hieß Mussolini und die Staatsreligion war der Faschismus. 1923 putschten sich die Kemalisten im soeben verstorbenen Osmanischen Reich an die Macht. Der neue Gott hieß Mustafa Kemal Atatürk, die neue Religion war die „Moderne“, also keine. Die Leitvorstellung war der französische Laizismus.

Staatsreligion stark im Kommen

Als der Revolutionär Atatürk die Vorherrschaft der Religion im Staat zurückdrängte und so die „moderne“ Türkei gründete, wurde das vom Westen, genauer gesagt von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges, gerne gesehen. Es störte sie nicht, dass es eine Autokratie war. Es stört sie aber sehr, dass heute in der Türkei ein Recep Tayyip Erdoğan autokratisch herrscht. Er führt den Primat der Religion ein. Ein Kemal Atatürk mit umgekehrten Vorzeichen.

Offensichtlich ist der Drang zur Religion in der muslimischen Welt wieder stark im Kommen. Es geht um das politische Wiedererwachen von einst großen Reichen im  Mittleren Osten, die durch den Petro-Imperialismus der westlichen Weltkriegsgewinner (I und II) so lange gedemütigt und in Abhängigkeit versetzt worden waren.

 Religion wie Kernwaffe

Die politische Seite von Religionist im Grunde einfach zu verstehen. Jesus und Mahatma bezeugen es: Wenn auch der Gegner alle Gewehre und Kanonen hat, deinen Geist kann er damit nicht erschießen. Der Geist von vielen Menschen zusammengeschlossen und rückgekoppelt, das ist Religion: Eine uneinnehmbare Burg und stärker als jede Kernwaffe.

Ob Kreuz, Halbmond oder Davidstern – die Vorstellung, dass ein Staat mit den französischen, laizistischen  Idealen lange bestehen könne,  scheitert heute erneut. Die Köpfe von Putin, Trump, Erdoğan, Orbán und weiteren stehen für eine neue Restauration. Es ist eine Art Rückbesinnung auf konservative Werte, ähnlich der, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die glanzvolle Entwicklung Europas angeschoben hat.

In dieser Gesamtschau entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, was im Jahr des Herrn 2017 der Landeshauptmann eines klitzekleinen Landes im Herzen Europas von sich gibt. Er zieht sich zur Andreas-Hofer-Feier in das kleinstmögliche Bergnest zurück und zupft von dort aus dem aufrechten Hofer am Rockzipfel. Schattenseiten habe er gehabt, konservativ sei er gewesen, er habe „das Neue“ nicht aufgeschlossen und begeistert genug an sich herangelassen.

Gott und das Vaterland wird man aus den Herzen der Menschen niemals hinausreden und noch weniger hinausprügeln können. Das Kreuz bleibt.

Die
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Dr.phil. Georg Dekas

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