Paradeisisch

Sommer, Sonne, Siesta. Das Leben fließt langsamer, Fußball- Weltmeisterträume kommen und verfliegen wie die wattigen Wolkentürme am heißen Himmel und im Garten reifen die Paradeiser. Nicht Tomaten. An den Stecken ranken die Verseiln, nicht grüne Bohnen. Dort leuchten die Marillen vom Baum, nicht Aprikosen. Der Gärtner sitzt in seinem kleinen Paradies und genießt den Anblick. Was in aller Welt Gott und der Mensch so alles herzügeln oder einfach wachsen lassen! Bei dieser netten Nachbarschaft von süß, sauer, bitter, wurzelig, heilsam, stechig, giftig, unscheinbar, schön und farbenprächtig tun ihm die verschnittenen Äpfelbäumchen da drüben leid. Wie Soldaten in Reih und Glied, angehängt an Draht und Beton. Die Wiese eine grüne Fabrik und die Zeilen ihre Fließbänder. Jede einzelne Frucht austauschbar und nahezu wertlos in einer Masse mit Kunstnamen wie Pink Lady. Ist es mit den vielen Mundarten und den großen Sprachen im Weltgarten nicht ganz ähnlich? Das jedenfalls denkt sich der Gärtner, wenn er die Südtiroler Sprecher in Funk und Glotze hochdeutsch reden hört. In ihrem Gärtchen wären sie klein und fein, aber auf hochdeutsch wirken sie wie alte Kalterer Böhmer, die sich auf Drahtseile spannen lassen, um gleich neu zu wirken wie die billigste Apfelsorte bei Aldi. Überzogen perfekt, peinlich nachahmend und im Ganzen unecht. Viel zu selten dürfen die Südtiroler in den Medien zurückfinden in ihre ureigenste Alltagssprache – außerhalb der Krachledernen in Volksmusik, Satire und Werbung. Doch es gibt einen kleinen Garten! Gehört im Sender Bozen, 8. Juli. Es ging um hiesige Rockmusik. Radioleute und Rocker redeten echtes, ungekünsteltes südtirolerisch. Losenswert, lobenswert. Hier werden aus Treibhaustomaten sofort wieder kostbare Paradeiser. Die wachsen sogar zwischen Heavy Metal. Die Südtiroler Umgangssprache muss mehr in den Medien gehört werden können, sonst verlieren wir sie und damit unseren Garten Eden. Hohes Deutsch würden wir danach auch nicht besser können.

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