Früher war das Glück ein Schwein

november17-03 193

Früher war das Glück ein Schwein. Da brauchte man über Glück nicht lange reden. Wer das Mus mit Baumrindenmehl strecken musste, in der so fälschlich gelobten alten Bergbauernwelt, für den war das Glück auf Erden eine prallfette Sau, am besten als dampfender Bauch samt Schwarte auf dem Teller. Nein, das Glück war alles andere als weit weg. Das Glück, das waren viele kleine einzelne Glücke, und ein jedes für sich war riesengroß. Vor der Pille war es ein Glück, wenn die eine glückliche Liebesnacht nicht zur Schwangerschaft führte. Noch ein viel größeres Glück war es, wenn die blutjunge Frau das Gebären überlebte. Wie unendlich weit zurück liegt diese sichere Glückswelt mitsamt ihrem Elend! Zum Glück geht’s uns heute viel besser. Die Sau macht nur mehr dick, deswegen stehen wir auf knackigen Bio-Sellerie. Die Kindlein kommen nicht mehr zuhauf, deswegen stehen wir auf Selbstfindung. Weil es viel Spital gibt, hat sich das Glück des Überlebens von Mitte Zwanzig auf Mitte Achtzig verschoben. Anstatt nun all diese achtzig Jahre frei und glücklich zu leben, ist der Mensch schwermütig, legt sich neue Fesseln an, hetzt ohne Unterlass und macht bitterernste Jagd auf das ganz große, das ganz ferne, das ganz unglaubliche Glück. Sag einfach Jackpot! Sag „Meine große Liebe“! Sag „Mein Traum!“ Niemand findet, weil alle zu viel wollen. Alles strengt sich an und betrügt sich selber am meisten. Alles im Namen des vermeintlichen Grundrechts auf das eigene große Glück. Abenteuer ohne Gefahr soll es sein, Auto ohne Geld, Politik ohne Moral, Karriere ohne Magenkrämpfe, Liebe ohne Opfer. Ach, wenn’s uns nur wieder gut ginge! Sammelt einfach die urigen Glücke rund um euch herum. Am Ende machen sie mehr aus als das eine, ferne, große, auf dieser Welt wohl nie sündenfrei erreichbare.

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