Babbeln am Berg

Spätsommer ist Bergzeit. Ganz oben gibt es Freiheit, Stille und den Blick auf die Ewigkeit. Das war einmal. Heute wirst auf dem höchsten Gipfel immer vom Fauchen und Rauschen der Düsenflugzeuge begleitet. Anderem kann man besser ausweichen: Den halbnackten, in bunte Wursthäute gezwängten Fitness-Steigern zum Beispiel, oder lärmenden Familien, die den Übergang vom Adriastrand zur Felsenwand nicht raffen. Am meisten beleidigt wird der Berg aber von der neuen Schwatzkrankheit. Der Almenwind streicht säuselnd über den wilden Thymian, im Hintergrund gluckert eine Quelle, von unten herauf hallen die Schellen von Weidevieh. Untermalung der Stille. Da klingelt aus dem Nichts heraus ein Telefon. Jemand zieht das Ding aus dem Rucksack. „Hoi, wou bisch?“… usw. usw. „Stell die Paschta lai über…!“ usw. usw. Solche lebensrettenden Notrufe am Berg bezeugen das Vordringen einer planetarischen Seuche in heiligste Bereiche. Es geht längst nicht mehr um den unterbrochenen Naturgenuss. Das aufdringliche und dumme Babbeln am Berg bezeugt vielmehr unseren Turmbau zu Babel. Denn genau das erleben wir: Die großen Bauten der Staaten und Völker, allen voran der Euro und Europa, gehen in einem unendlichen Wort- und Datenschwall unter. Warum? Weil die Märkte verrückt spielen und nach ihnen die Regierungen. Warum das? Letztlich einfach nur, weil die Unmenge von erzeugten Worten und Zahlen sowie deren rasend schnelle Verbreitung etwas wirklich Lebenswichtiges in großem Maßstab ausschalten: die geistige Verdauung oder die Umwandlung von Informationen in Wissen. Handeln in Gemeinschaft wird damit unmöglich. Bauten stocken und stürzen ein. Das Sprachengewirr von Babylon ist heute. Eines Tages wird es wieder Bergwanderer ohne Jets und ohne Handys geben. Sie lassen ihre Gedanken in Ruhe reifen und werden die elektronisch geschwätzige Torheit der Menschen bedauern, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder einmal der Welt allergrößten Turm zum Einsturz brachte.

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