Deutsch oder deutschsprachig?

Ja, die Deutschen. An was denkt man dabei? An die Deutschen eben. Nicht an Österreicher, Schweizer, Elsässer, Schlesier, Bayern, Böhmen, Südtiroler, Luxemburger, Siebenbürger, Wolgadeutsche, Holsteiner, Fersentaler, Walser usw. Die Deutschen, das ist etwas, das ein Gemisch aus Furcht und Abneigung begleitet. Da tauchen Bilder auf von Stahlhelmen und Dickbäuchen, Rechthabern und Schlechtessern, von sturen und pingeligen Buchhaltern und Werkmeistern, von schroff befehlenden Chefs und gehorsamen Soldaten. Es sind die Reichs- und Bundesdeutschen des zwanzigsten Jahrhunderts. Ja, die Geschichte, sie setzt ihre Spuren auf lange Zeit.

Aber deutsch ist mehr als Deutschland, und Deutschland ist mehr als die Deutschen. Deutsch ist Luther, Dürer, Goethe, Heine, Beethoven, Humboldt, Liebig, Marx, Claudius, Nietzsche,  Einstein, Mann, Brecht, Hesse, Plank, Porsche, Heissenberg und abertausend andere Schöpfer und Gestalter in Kunst, Musik, Wissenschaft, Technik, Poesie und Literatur. Deutsch sind auch Moltke, Krupp, Rommel, die U-Boote, Stukas, Leni Riefenstahl, Goebbels und Hitler. Deutsch ist der Schäferhund, der Gartenzwerg, das Fachwerkhaus, das Bier, das Handwerk, die Chemie, das Schwarzbrot und das Sauerkraut, die Lederhose und Weidmannsheil. Deutsch ist die Ordnung und Genauigkeit, das Gründliche, der Fleiß und der Schrebergarten. Deutsch sind sogar Wilhelm Tell, die Hutterer, Andreas Hofer, der Straußwalzer und Mozart, Einstürzende Neubauten, die Toten Hosen und die Züricher Bankiers. Deutsch ist der Riesling und das Oktoberfest, der VW-Käfer und die Brezel, die Salzburger Festspiele und der Wiener Heurige. Deutsch, man möchte es nicht glauben, ist auch die Liebe zur Freiheit und Eigenständigkeit im Tun und Denken, die Liebe zur Tüchtigkeit. Deutsch ist eine Lebenshaltung. Deutsch ist viel mehr als ein Land und eine Epoche, deutsch ist  viel mehr als eine Sprache oder eine Nation. Dieses einfache, kleine Wort „deutsch“ umfasst Großes. Es ist ein Erbe unserer Zeit, dass wir dieses Prädikat nur mehr verhüllt als „Made in Germany“ achten wollen, und dass sich alles deutsche außerhalb der politischen Grenzen der Bundesrepublik Deutschland als bloß „deutschsprachig“ klein macht. Kleiner, als es sein müsste.

Früher hieß es in Südtirol: Wir sind deutsch. Heute sagt man: Wir sind deutschsprachig. Das klingt so, als ob wir sagen wollten, wir sind keine Deutschen, was ja in Ordnung geht, weil wir tatsächlich keine Bundesrepublikaner sind, aber zugleich schwingt eine neue Bedeutung ein, nämlich dass wir deutschsprachige Italiener sind. Da heißt es Halt! Dass wir Südtiroler seit 1919 zum Königreich Italien und später zur Republik Italien geschlagen wurden, ist eine geschichtliche Tatsache. Aber deshalb sind wir noch lange keine Italiener, und noch weniger deutsch sprechende Italiener. Selbst wenn wir mit Italien zu einer Willensnation verschmelzen würden, wie es die Schweizer tun, dann würde man immer noch von deutschen Italienern sprechen können anstatt von deutschsprachigen. Dann würde es in der Republik Italien eben Italiener und Deutsche geben, so wie es in der helvetischen Konföderation Deutsche, Romands,  Italiener  und Rumantsch gibt. Gut, man mag die Bezeichnung frankophoner Schweizer vielleicht als Behelfsbegriff gelten lassen, aber schön ist er nicht. Der Anlass ist, dass die Romands keine Franzosen sind, obwohl ihre Muttersprache französisch ist und der Begriff Romand oder Welscher im deutschen Sprachraum außerhalb der Schweiz ungewohnt ist oder abschätzig wirkt. Etwas Ähnliches trifft auf uns Südtiroler zu, seit wir bei Italien sind: wir sind deutsch, aber keine Deutschen. Und deutschsprachig ist zu wenig. Gott hilf!

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