Parabel|Leben bei den Ceteros

Ecce Homo
Ecce Homo

Wenn es möglich wäre, ein ganz bestimmtes Denkmal aus Marmor, das in der Bozner Neustadt steht, irgendwo anders aufzustellen, dann könnte man sich nach dem „Foro Imperiale“ zu Rom keinen sinnenhafteren Ort vorstellen als die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba.

Faschistischer Triumphbogen in Bozen
Faschistischer Triumphbogen in Bozen

 

Dann nämlich würden die Äthiopier jeden Tag um einen nachgeäfften römischen Triumphbogen herumkurven, und auf sie hinunter schaut ein mit Helm bewehrtes Mussolini-Gesicht aus Stein.

Die Inschrift am Querbalken verkündet stolz, dass hier „den Anderen“ Gesetze Sprache und Künste beigebracht und sie dadurch überhaupt erst „kultiviert“ wurden. Aus Nicht-Menschen wurden Menschen gemacht, sinngemäß.

Die Äthiopier würden dann diesen Spruch lesen müssen, nicht mehr die Tiroler, die das in Bozen seit fast hundert Jahren übersehen wollen müssen. In Addis hingegen könnte dann das stolze und Jahrtausende alte Bergvolk am Horn von Afrika jeden Tag darüber sinnieren, wie ihm diese Worte aus dem Munde eines in seinem Lande hoch verehrten Volksherrschers schmecken, der Äthiopien 1935 angegriffen und dessen Volk aus allen Rohren, mit Blei, Gas und Nitroglyzerin, niedermetzelte.

Jetzt nehmen wir mal an, dass heute noch die eine oder andere italienische Familie in Addis lebte. Und nehmen wir weiter an, dass eine junge Frau aus einer dieser Familien an einer öffentlichen Diskussion teilnähme, in der über die zukünftige Verfassung des Staates Äthiopien beraten werden soll.

Nehmen wir weiter an, sie träfe dort auf ein paar Äthiopier, die der jungen Frau geradewegs und ganz ohne koloniale Servilität ins Gesicht sagen, dass das mit dem Spruch auf dem Denkmal schon gar nicht ginge und dass sie sich schon gar nicht als „Andere“ und als Beglückte empfänden. Sie seien längst vor der Ankunft der weißen Invasoren aus Italien eine eigene Zivilisation gewesen, sogar eine christliche. Dass sie als Italienerin gut daran täte, sich von diesem Denkmal da in der Mitte der Hauptstadt loszusagen, weil es das ganze äthiopische Volk beleidige.

Stellen wir uns jetzt vor, die junge Frau, die im Land der weltbesten Langläufer geboren und aufgewachsen ist – diese junge Frau würde nun den Äthiopiern antworten, das könne sie nicht, denn die Worte und Denkmäler ihrer Großväter in diesem afrikanischen Land seien ein unverzichtbarer Teil ihrer Identität.

Schauplatzwechsel. Meran, Südtirol

Eine junge, hier geborene und aufgewachsene Italienerin soll in einer Gesprächsrunde am Autonomie-Konvent Südtiroler als „Nicht-Menschen“ bezeichnet haben: Weil diese forderten, die Italiener sollten sich von den großspurigen Zeugnissen ihrer faschistischen Altvorderen trennen.

So kann Gemeinsames nicht gelingen.

Vorbedingung 1: Keiner bilde sich ein, dem anderen qua „Rasse“, „Kultur“ oder „Herrschaft“ überlegen zu sein. Weder Fascio noch Nazi. Vorbedingung 2: Ein jeder stehe fest in seiner gewachsenen Sprache und Kultur und teile sie fair mit seinem Nächsten. Vorbedingung 3: Ein jeder bringe ein kleines Opfer und vermeide, was den Nächsten in seinem Sosein ohne Not herabsetzt. Wir sind in Südtirol schon weit gekommen auf diesem Weg.

Zu Ende ist der Weg noch nicht. Entschlossenheit tut not. Denn schon stehen neue Menschen vor der Tür, die uns fordern, das Menschsein und die Gemeinschaft klarer und überzeugender zu denken als bisher. Für beides gibt es  mehrere Lösungsmöglichkeiten.

Eine davon, nämlich jene, die „Nicht-Menschen“ im Programm hat, wird auf friedlichem Wege wohl nicht umgesetzt werden können.

von Georg Dekas – Erstmals veröffentlicht auf UT24

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Dr.phil. Georg Dekas

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