Ollerhond Selbergmochts

Tiroler Speckknödel made by Sarner Bäuerinnen
Tiroler Speckknödel made by Sarner Bäuerinnen

„Wissn Sie, wouher der Kaffee kimmp?“ Viktoria hält forsch eine Aromapackung Bohnenkaffe in die Höh, bevor sie die braun gerösteten Kerne in den Mahltrichter schüttet. Natürlich hat verloren, wer jetzt Kolumbien oder Äthiopien sagen würde, denn klar, die Kaffeestauden wachsen nicht in Pens oder Astfeld. Etwas Nahes und Selbergemachtes  muss aber dahinter sein, bei den Sarner Bäuerinnen, de ihren Catering Service so nennen.

Nein, Aldein im Unterland kann es nicht sein, dort machen sie Kaffee aus Lupinen, und das hier sind Arabica Bohnen. „Aus Völs!“ erlöst Bäuerin Viktoria den rätselnden Gast. „Da hat ein Herr eine Kaffeerösterei aufgemacht!“ Ja, Herr hat sie gesagt. Ein Herr. Denn Herren brauchen die Sarner Bäuerinnen sonst nicht groß in ihrem Geschäft des Kochens und Kredenzens. „Höchstens wenn einmal etwas schnell zu liefern ist, wenn gerade ein Kas ausgegangen ist oder so“. Nein, das Auspacken, Einpacken, das Herrichten, das Besorgen, kurz, das ganze G’strutz, das machen die Frauen alles selber. „Oft winsch i mir an Auto zin Kippm,“ blickt Viktoria auf den schnittigen Peugeot-Van mit offener Heckklappe vor dem Kücheneingang.

Kippen? Ach ja, so wie der Mann zuhause auf dem Hof den Schlepper mit Kippanhänger hat, und die Erde, das Heu oder den Dung einfach auskippt. Dieser vom Herzen kommende und von einem unhörbaren, kleinen Seufzer begleitete Satz der gesetzten, aber schneidigen Bäuerin verrät die harte Arbeit, die hinter dem Catering steckt. Aufladen, Ausladen, Hinein, Heraus. „Heidi, wou hosch die Box mit die Gabeln?“ Von der Kaffeetasse bis zum Zahnstocher bringen die Sarner Bäuerinnen alles mit. Und nach dem Mahl ist die Küche in gefühlten fünf Minuten wieder so blitzsauber, als hätte es nie eine Kaffee- und Kuchenpause und nie ein Mittagessen für 150 Leute gegeben, mit kalter Platte, viererlei Knödel mit Krautsalat oder in Butter, mit Gulaschsuppe und allerhand Süßem.

Da muss jeder Griff sitzen, vom ersten Strudelanschnitt bis zum Abspülen. Kippen möcht’ sie. Das heißt noch zweierlei. Einmal: Ohne Fuhrwerk geht nix. Zweitens: Es gäbe da noch vielleicht Raum für rationelleres Arbeiten. Solange der Dreh nicht gefunden ist, muss das Kipp-Bild aus der Welt des Mannes herhalten. Aber ganz sicher werden Rosa, Rita, Maria oder Viktoria eines Tages ihren gastronomischen Kipper haben, das ist klar.

Ja, wenn sie nicht im Catering mithelfen müssen, die Mander, wer schaut dann auf sie daheim? „I hon nix zuagsperrt und i hon nix mitgnummen“, das habe ihre Mutter immer gesagt, antwortet Viktoria auf derschnell. Heißt soviel wie: Es ist alles da, bedient euch, macht. Selbst ist der Mann, auch was Küch und Speis’ anlangt. Ein wunderbarer Satz übrigens auch für das Leben, ein Anti-Habgier-Satz sozusagen, der uns lehrt, dass wir nichts mitnehmen können auf die große Reise, dass aus der ewigen Sicht das Zusperren von Speis oder Herz nicht nur eine eitle, also vergebliche Müh ist, sondern geradezu schädlich.

Es läutet. Viktoria zaubert ein kanariengelbes Smartphone aus der Schürze ihrer bairischen Sarner Tracht und hebt ab. „Ja, … aha, …. Universität …. wieviel’ Leute … Frau Rosa wird Ihnen ein Angebot schicken…“. Diese Sarner Bäuerinnen haben’s drauf.

Vor 10 Jahren haben sie zu neunt über Urlaub auf dem Bauernhof sinniert. „Dann sind wir auf das Catering gekommen“, erzählt Viktoria. Sie spricht das Wort so selbstverständlich aus wie Kraut, Knedl oder Striezl. Es macht so einen charmanten Gegensatz aus zur schönen Tracht oder dem würzigen Roggenbrot, das die 70jährige Kathi in Pens gebacken hat, im Holzbackofen am Hof, versteht sich. Bio-Köstlichkeiten, viel Selbergemachtes, das Gute von Gestern für die Genießer von heute, das ist das Motto der Sarner Bäuerinnen. Sie sind eine Genossenschaft, insgesamt vierzehn, und jede Frau hat so ihren Lieblingsbereich.

Die Kathi etwa mag in ihrem Alter nicht mehr bis spät in die Nacht hinein auftischen, dafür erledigt sie prompt jede Backbestellung, ob groß oder klein. Übrigens, zu „klein“. Wer das süße oder salzige Angericht der Sarnerinnen verkostet, dem fällt auf, dass die gewissen traditionellen Speisen ordentlich downgesized sind, also auf den allgemein geringeren Kalorienbedarf der Kundschaft zugeschnitten sind. Die Knödel sind kleine Bällchen, sind Knedelen geworden, die Kniakiachl mit dem süßen Tupfer in der Mitte sind jetzt Kniakiachelen, alles mundgerechte Koschterlen, der köstliche Mohn- und Nussstrudl fein in kleine Stücke aufgeschnitten, grad zurecht für den Gluscht der meist sitzarbeitenden Kundschaft.

Was war denn der größte Happen? „Das war auf Schloss Tirol, schon vor einigen Jahren, das war wunderbar, wir haben tausend Knödel gemacht,“ ist Viktoria heute noch stolz und zufrieden mit Leistung und Anerkennung. Inzwischen ergießen sich die Tagungsteilnehmer in den Essraum und greifen beherzt auf die fein geschnittenen Speckscheiben, das Sarner Bündnerfleisch, die Kaminwurzn, die Hopfenaufstriche und alles andere zu. Eine Stärkung braucht es jetzt, nachdem drinnen im Saal zwei Stunden lang allerhand Richtiges über die Gleichberechtigung der Frau und die Wichtigkeit von Arbeit und Fortkommen geredet worden war. Derweil, draußen vor dem Saal, hatten drei Sarner Bäuerinnen nur ganz wenige Worte gebraucht und mit ihrer Arbeit große Selbständigkeit bewiesen.

Die liebenswürdigen Managerinnen in Tracht lehren vor allem eines: Die Wertschöpfung liegt im Nahen, im Kleinen, im Eigenen. Das Neue annehmen und das Althergebrachte neu weitertragen. Freude damit bereiten und Wert schöpfen aus dem, was daheim am Bergbauernhof hergestellt wird. Diese Sarner Frauen sind ein gelungenes Vorbild.

Nur, ganz so einfach ist es nicht, wie’s gut ausschaut und schmeckt.

Verfasser Georg Dekas; erstmals veröffentlicht 2015 in „Die Baz“, ein Meraner Bezirksblatt.

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