Tom Paradeiser

Feuertomate 2015
Feuertomate 2015

Die Tomate heißt hierzulande Paradeiser, Paradiesapfel.  Vom Paradies her schien er zu kommen, dieser Apfel. Bald nach der Entdeckung und Eroberung Amerikas hielten die ersten Tomaten Einzug in die Küche der alten Welt, damals aus klimatischen Gründen nur im Süden. Heute wachsen sie gar in Holland. Also genießen wir die Paradeiser, besonders in der paradiesischen Zeit des Sommers. Wir staunen über die Vielfalt der Sorten, Farben und Formen von Tom Paradeiser. Die richtigen Liebhaber züchten die Paradeiser selbst. In manchen Gärten sollen über hundert Sorten wachsen, wird erzählt. Von den schönsten und gelungensten werden die Samen entnommen, getrocknet und im nächsten Jahr gezogen. Es ist wie mit Kindern, sagte eine neulich. Wie das? Ja, man muss halt die Eltern richtig auswählen, denn wie die Alten, so wachsen auch die Jungen. Aha, fallen nicht weit vom Stamm, gell? Die gute Frau hatte, ohne es zu ahnen, ein modernes Tabu berührt. In der Tat erlaubt sich der Mensch, Paradeiser, Pferde oder Hunde nach Belieben zu züchten und zu modeln. Nur uns selber nehmen wir aus. Ab den wilden 1960ern hieß es, alles geht, alles ist erlaubt. Erbanlagen? Nicht der Rede wert. Die Umwelt bestimmt alles. Nimm ein Kind aus den Slums von Kalkutta, lass es in einem behüteten Haus in Europa aufwachsen, und es wird wie wir. Hinz und Kunz können Kinder kriegen: Schaff nur das richtige gesellschaftliche Umfeld und alles wird gut. Heute hat diese Überzeugung Risse bekommen, auch weil die Früchte dieses naiven Glaubens sichtbar sind. Das Pendel schlägt in die andere Richtung aus. Jetzt müssen sogar die egalitären Sozialforscher zugeben, dass Schicksale und Laufbahnen doch sehr viel mehr von dem Erbe abhängen, das einem Kind in die Wiege gelegt wird. Das sind nicht nur die äußeren Güter und Verbindungen, das sind auch die genetischen Anlagen und Codes. In den USA bastelt man heimlich schon am „neuen Menschen“.  Wer weiß, ob wir eines Tages nicht einem gezüchteten Mann namens Tom Paradeiser begegnen. Besser als von einem Extrem ins andere zu kugeln wäre es, einfache und althergebrachte Regeln des Hausverstandes zu beachten. Etwa, dass selbst bei einem Paradiesapfel vieles möglich ist, aber nicht alles gleich ist und noch weniger alles gut geht.

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