Marend

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In Tirol heißt es nicht Brotzeit wie im Bruderland Bayern, sondern „Marend“. A zünftige Brotzeit, aber nicht eine x-beliebige, nur die nachmittägliche um Viere. Denn zwischen dem „Fourmes“ (Vor-Mess, dem zeitigen, raschen Frühstück vor der Messe) und dem ordentlichen „Mitoog“ um Punkt Zwölfe hat noch das „Holmitoog“ Platz, das ist die Brotzeit so um Zehne. Das Fourmes besteht meistens aus einer Schale Milch oder Kaffee, einem Löffel Honig und ein paar Brocken Brot, das gibt die erste Kraft nach dem Melchen, für das der Bauer schon um Fünfe aufgestanden ist. Jetzt, um Halb Siebene, hat er Zeit für das Fourmes, und um Zehne ist der Hunger schon wieder da. Das Holmitoog wird, wie die Marend auch, im Sommer auf dem Feld eingenommen. Das ist ein besonderer Augenblick, wenn die Körbe und die Korbflaschen vom Wagen herunter genommen werden und man im Schatten eines Baumes zum holmittogn oder zum marendn nieder sitzt. Die Zusammenstellung der Marend ist einfach. Brot, Speck, Wein.

Vernatsch (Pastell, G. Dekas, 1975)
Vernatsch (Pastell, G. Dekas, 1975)

Na, na, das ist zu einfach! Die original Südtiroler Marende, das muss sein: Roggenbrot als „Paarl“ oder ein weizenes Völser Schüttelbrot, beide getrocknet und steinhart,  das erstere mit besonders viel Brotklee drinnen und das andere mit besonders viel Kümmel und Fenchelsamen. Dazu gibt es einen gselchten Bauchspeck vom Fock, ja sogar ein Stück „Kas“, und auf jeden Fall einen Leps. Leps, das ist der Wein der Armen. Wie alles, was der Küchenchef namens Not erfunden hat, genial und köstlich. Nachdem der Wein für die Herrschaft gemacht und abgezogen ist, werden die Trester im Fass noch einmal mit Wasser aufgegossen und nachgegärt. Es entsteht ein zartrosa, leicht moussierendes, ganz schwach alkoholhaltiges, saures Getränk. Von der Traube, aber nach dem Wein. Das ist unser Leps. Hat man keinen frischen Leps, kann es auch ein „gewasserter“ Wein sein. Damit kommen wir zum Wortursprung von „Marend“. Unschwer ist das italienische „Merenda“ zu erkennen, das allgemein Zwischenmahlzeit bedeutet, aber doch ursprünglich vom Wein herstammt. Denn bei den alten Lateinern hieß der kräftige, unvermischte Wein aus der ersten Pressung „Merum“, nicht „Vinum“, und wenn man den verkostete, brauchte es wohl etwas Begleitendes wie ein Stück Brot, Käse oder Speck, sonst würde einem der Merum zu schnell und zu stark zu Kopf steigen. Es brauchte also ein „merendum“, etwas dazu zum Wein. Ich wüsste nichts Schöneres, als Sie, geneigte Leser, mit meiner sonderbaren Wortkunde wie zu einer Südtiroler Marend zu bewirten, indem ich die besonderen Worte unserer reichen und schönen Sprache wie den Speck fein aufschneide und „scheibenweis“ darbiete. „Wortweis“ will also eine Wortmarende sein, die mit ihren Betrachtungen kleine Bissen von hausgemachtem Brot und Speck reicht, um den anregenden und manchmal auch besoffen machenden Zauber der Sprache handfest genießen zu können.

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