Sanitas|Die Schockmeldung

Bild G.J. Dekas
Bild G.J. Dekas

Anfang Juli 2014 steht das Foto eines leitenden politischen Beamten aus dem Gesundheitsressort in der „Dolomiten“. Derselbe, der vor allen Leuten im engeren Führungskreis den Ausspruch tat „acqua in bocca“ (‚Wasser im Mund‘ = Stillschweigen), um damit zu sagen, er stehe ganz hinter der beschlossenen Strategie der Öffentlichkeitsarbeit, bis zum Abschluss der Einarbeitung der neuen Amtsträger im September keine halben Sachen an die Öffentlichkeit zu bringen.

Und was sagt der so schweigsame Direktor der Zeitung? Die kleinen Geburtenstationen in den ländlichen Spitälern seien in Gefahr, sogar in höchster! Davon war auf der Führungs-Klausur zwei Tage zuvor keine Rede gewesen. Woher diese neue Erkenntnis? Und was zum Teufel ist der Grund für den Alarm? Was bezweckt die neue, unerfahrene politische Führung mit diesem Vorpreschen?

Der Mann war am Wochenende in Italien gewesen und hatte gehört, dass Anwälte aufgrund einer verpfuschten Entbindung von einem Krankenhaus Millionen haben wollten. Aufhänger der Klage war, dass die Geburtenstation nicht so bestückt gewesen sei, wie es die neue Richtlinie des Ministeriums verlangte, welche u.a. eine Mindest-Soll-Zahl von 1000 Geburten pro Jahr und Station vorsah.  Abgesehen davon, dass die Richtlinie frisch und umstritten war, weil nur die Krankenhäuser der Metropolen dieses Soll  erreichen, abgesehen davon, dass die Anwälte die Millionen noch nicht bekommen hatten, abgesehen davon, dass solche Fragen politisch gut überlegt sein wollen – was sollte der Nutzen einer Meldung sein, die den werdenden Eltern in Südtirol verkündet, sie würden aller Voraussicht nach in Zukunft ihre Kinder nur mehr in Bozen zur Welt bringen können? Keiner.

Das Foto des frisch gebackenen Funktionärs in der Zeitung hatte einen hohen Preis. Die Botschaft des politischen Beamten traf die Öffentlichkeit ins Mark, genau an der wundesten Stelle.  Die Kämpfe um die Spitalsreformen der vergangenen Jahre kreisten nämlich genau um diesen Punkt. Die angekündigte Auflassung von Geburtenstationen galt in diesen Kämpfen als Lackmustest, der die  als drohende Gefahr des Herunterfahrens der Talkrankenhäuser im Pustertal, Wipptal und Vinschgau untrüglich anzeigte.

Schon lange bevor mit dem Jahr 2014 eine neue Landesregierung ihren Weg antrat, glaubten das Volk und die Ärzte, dass die Politik insgeheim schon das Ausbluten ihrer Krankenhäuser beschlossen habe, aber zu feig sei, es laut zu sagen, und stattdessen eine Salami-Taktik fahre. Und nun posaunt sie als erstes hinaus, dass die Geburtenabteilungen in Innichen, Schlanders und Sterzing vor der Schließung stünden. Das Scherbengericht war angerichtet.

Anstatt einem gespannten Publikum in Ruhe die wohl überlegten Schritte der Gesundheitsreform kundzutun, musste die zum Gesundheitsdienst berufene Vertreterin der Südtiroler Landesregierung im Herbst ein demütigendes Pfeifkonzert und Schmährufe über sich ergehen lassen, als sie am Spalier Kerzen und Fackeln tragender, lauthals protestierender Frauen entlang zum Eingang des Spitals in Sterzing schritt.

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Dr.phil. Georg Dekas

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