Sanitas | Unerhörte Ideen

Diagnostik-PC bei einem privaten Dienstleister in Bozen - Bild G.J. Dekas (c) 2015
Diagnostik-PC bei einem privaten Dienstleister in Bozen - Bild G.J. Dekas (c) 2015

Vorschläge eines einfachen Landesbeamten für einen neuen Landesgesundheitsdienst 2014-2018

Ausgangslage

  • Primäre Gesetzgebung Roms in der „Sanität“
  • Sekundäre Gesetzgebung Bozen (Organisation)
  • Sehr gut ausgebaute öffentliche Grundversorgung (Spitäler, Sprengel, Hausärzte)
  • Hoher Anteil an Selbstversorgung in Spitzenmedizin
  • Hoher Anteil an Selbstversorgung in der Ausbildung von Gesundheitsberufen
  • Eine einzige öffentliche Körperschaft als Träger („Südtiroler Sanitätsbetrieb“ SABES)
  • Finanzierung fast gänzlich zu Lasten des Landeshaushaltes
  • Geringer Anteil an Selbstfinanzierung („Ticket“)
  • Geringer Privatanteil an Diensten (niedergelassene Fachärzte, echte private Kliniken)

Strukturelle Merkmale

  • Dynamischer Nachfragedruck von außen (Gesundheit als Lebensstil, längere Lebenszeit, neue Technologien)
  • Hoher Nachfragedruck durch das nationale Gesundheitssystem (kein Preis, keine Einzelwahlmöglichkeit)
  • Hoher Nachfragedruck von innen (das öffentliche System multipliziert Aufwendungen statt sie zu reduzieren)
  • Monopolstellung des öffentlichen Dienstes (verhindert Selbstregulierung)
  • Ausschließlich politische Steuerung (mit Befehlskette von oben nach unten).

Folgen

  • Versorgungsengpässe („Wartezeiten“)
  • Versteckte, ungenutzte Potentiale
  • Frustration als Arbeitsklima trotz bester Arbeitsbedingungen und guter Finanzierung
  • Ständig steigender Kostendruck zu Lasten der öffentlichen Haushalte

Strategien

Bisher hat die Politik am galoppierenden Kostenzuwachs der späten 90er Jahre angesetzt und dem ständig steigenden Kostendruck zu Lasten des Landeshaushaltes mit einer Umstellung der Organisation des Landesgesundheitsdienstes zu begegnen versucht.

Per Gesetz wurden die bestehenden vier öffentlichen Bezirkskörperschaften einer neuen, übergeordneten Körperschaft unterstellt, der SABES („Südtiroler Sanitätsbetrieb“, die Italiener sagen immer noch ASL dazu, wie früher).

Eine Generaldirektion bestehend aus vier Chargen (Generaldirektor, Verwaltungsdirektor, Sanitätsdirektor und Pflegedirektor) sollten die versteckten Potentiale freimachen. Freilich haben es ihre politischen Auftraggeber negativ formuliert: „Doppelgleisigkeiten abbauen“. ‚Wozu brauchen wir vier Personalbüros, vier Verträge mit einem Lieferanten usw.?’ war damals die rhetorische Frage. Für diesen betriebswirtschaftlichen und von oben verordneten Sanierungsfeldzug gab die Politik der Generaldirektion ausreichende gesetzliche Befugnisse. Diese entsprachen aber nicht den realen Machtverhältnissen. Gewerkschaften und lokale politische Kräfte verhinderten erbittert und zum Teil sogar erfolgreich den Entzug von Ressourcen aus ihrem Bereich.

Gänzlich unberücksichtigt blieben in diesem betriebs-wirtschaftlichen und autokratischen Reformansatz die anderen Triebkräfte, die den Kostendruck erzeugen: Die Nachfrage von außen, die unabhängig vom „System“ wächst, und die Nachfrage von innen, die im wesentlichen eine immanente Folgeerscheinung sozialistischer Systeme ist – denn nichts anderes ist der „Servizio Sanitario Nazionale“ aus dem Jahr 1978.

Erfolgsbilanz

Heute, sieben Jahre nach der Einsetzung der Generaldirektion, ist die Erfolgsbilanz äußerst mager. Weder ist der Kostendruck für den Landeshaushalt geringer geworden – der Generaldirektor sieht „kohlrabenschwarz“ und findet es eine „tamische Situation“, noch konnten Wartezeiten, Personal oder Abteilungen abgebaut werden. Eventuell frei gemachte  Potentiale (z.B. Synergien) wurden offensichtlich von höheren Aufwendungen geschluckt. In der Öffentlichkeit herrschen starke und berechtigte Zweifel, ob dieser Reformweg der richtige ist. Die Landesregierung von Luis Durnwalder, die diesen Weg gewollt hat, und die Spitzenbeamten, die diesen Weg mitgetragen und umgesetzt haben, haben Schaden gelitten, einschließlich der Regierungspartei.

Was sich ändern muss

Dass sich etwas ändern muss, ist allen klar. Dass es kein Königsrezept gibt, sollte vielleicht mehreren klar werden (Bsp. „Stärkung des Territoriums“, „Prävention“).

Dass es selbst innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen große Entwicklungspotentiale gibt, die durch kleine Schritte erschlossen werden können, das sollten die Erkenntnis und die gute Botschaft für die Zukunft sein.

Jedenfalls hat der Verlauf der letzten sieben Jahre klar gezeigt, dass die Lösung vieler kleiner Probleme nicht im großen Wurf von oben herab gelingt. Mit Gesetzen kann man allgemeine Rahmen-bedingungen bestimmen, aber keine Betriebe führen. Vier politisch ernannte Chargen können allein weder eine Betriebsfusion noch eine Betriebssanierung effizient vorantrieben. Schon gar nicht in vier, von Gewerkschaften und politischen Interessengruppen solide besetzten öffentlichen Körperschaften, was die früheren vier Gesundheitsbetriebe und heutigen „Gesundheitsbezirke“ ja sind. In einem autoritären Staat wäre das möglich, in einer Demokratie ist es übermenschlich.

Manche fordern jetzt, man solle den eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen und die vier Gesundheitsbezirke abschaffen. Noch mehr Zentralisierung, noch mehr Macht und noch mehr Delegation von Verantwortung nach oben. Darauf passt: „Errare humanum, perseverare  diabolicum“.

Dezentrale Einheiten

Der Schlüssel unserer Zeit ist das Netz. Das Internet wäre undenkbar ohne die Eigenleistung von Milliarden tätigen und selbstverantwortlichen Einheiten, die sich durch Verknüpfung austauschen und so erfolgreich Handel treiben (Information, Unterhaltung, Waren, Ideen.) Kein Konzern dieser Welt ist heute als militärische Kommandostruktur aufgestellt wie noch vor 50 Jahren. Profitcenter, Tochterfirmen usw. bilden ein dezentrales Netz von selbständigen Einheiten, die sowohl die Vorteile der Zusammengehörigkeit als auch die Vorteile des eigenständigen, raschen Handelns auf sich vereinen. Selbst Südtirol ist auf diese erfolgreiche Weise aufgebaut und eingestellt. Raiffeisenkassen, Obstgenossenschaften, Milchhöfe, das Weiße Kreuz, der Alpenverein, die Südtiroler Volkspartei und unzählige andere Organisationen sind kapillar von unten nach oben aufgebaut, nicht umgekehrt. Eine starke Eigenständigkeit vor Ort mit starker Vernetzung und Willensbildung nach oben, eigenverantwortliches Wirtschaften im Verbund mit eher leichten, drauf gesetzten Dächern (VOG, Raiffeisenverband etc.) prägen das Bild einer insgesamt sehr vitalen und starken Gesellschaft. Wie sollte es in einem Bergland mit lauter eigenwilligen und höchst tüchtigen Leuten übrigens anders sein können?

Die Organisation des Landesgesundheitsdienstes muss an diesen realen und erfolgreichen Mustern Maß nehmen und sich in dezentrale, eigenverantwortliche Einheiten gliedern, die aus eigenem Interesse im Verbund arbeiten, und zwar von unten nach oben. Der dadurch entstehende, natürliche Leistungswettbewerb unter den Einzelnen ist der Turbo, der den Karren nach vorne bringt.

Verfasst und vorgelegt von Georg Dekas, Dr. phil., Landesbeamter von 2007 bis 2020

Post Scriptum (2020)

Dieses Papier habe ich der „Landesrätin für Gesundheit“ 2014 zu ihrem Amtsantritt überreicht. Zuvor hatte ich sieben Jahre lang als PR-Leiter im Gesundheitsressort die Geschicke der Südtiroler Gesundheitspolitik und Sanität mitverfolgt und mitgelitten. Die Denkschrift  ist auf viele Erfahrungen und langsam gereifte Erkenntnisse aufgebaut. In die Gehörgänge der politischen Führung des Ressorts haben diese Überlegungen Eingang gefunden, verstanden wurden sie nicht.

 

 

 

 

 

 

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