Rätische Heimat – Fingerwanderung (II)

Droysens Historischer Handatlas
Droysens Historischer Handatlas

Auf den Spuren der vorrömischen und vorgermanischen Namen in der Meraner Gegend, dem Herzstück Tirols.

Unsere Fingerwanderung über Täler und Höhen des Burggrafenamtes zeigt uns einen großen Reichtum an rätischen Namen. Im dichten Nebeneinander von deutschen und den vorrömischen, also rätischen Namen sind die beiden Gruppen eher leicht auszumachen. Bei den bairischstämmigen Namen gibt es keine Zweifel. Bei „Sauerloch“, „Lotterbad“, „Grünsee“, „Neuwiese“, oder „Windkofler“ sprechen uns die Bedeutungen direkt an – gar nicht zu reden von „In der neuen Welt“ (ganz hinten im Passeiertal!).

Die rätischen Namen hingegen erschließen sich nur über bestimmte  Lautungen, deren Bedeutung die ganz großen Gelehrten auch nur zum Teil kennen. Würden uns die Fachleute den Sinn der rätischen Wortwurzeln erklären, dann kämen auf deutsch wohl wieder „Bach“, „Wasser“, „Platz“, „Wiese“, „Joch“ und „Kofel“ (also Fels, Wand) heraus. Dennoch bewahren die vorrömischen und vorgermanischen Orts- und Flurnamen Tirols weitgehend ihr Geheimnis. Was alle Sprachrätsler besonders reizt. So wie den Ludwig Steube, der seinerzeit von der rätischen Sprache  die tollste Vorstellung überhaupt entwickelt hatte.

Die rätischen Ortsnamen sind in Tirol eindeutig in der Überzahl, so auch im Meraner Burggrafenamt. Das kann jeder mit einer kleinen Fingerwanderung über die Landkarte leicht feststellen. Dabei fallen bestimmte Lautmerkmale auf. Hier eine Auswahl und ein paar Vermutungen.

Das rätische „Tsch

Es sind das die Namen mit einem „Tsch“ oder „Sch“-Laut wie „Gratsch“ (bei Meran), „Kasatsch“ Schlossruine bei Prissian), „Magritsch“, „Kompatsch“, oder der Algunder Hof „Maratsch“, „Partschins“, „Tschirland“, die Naturnser Höfe „Schnatz“, „Latschraun“, „Partschell“, „Fransch“, „Platatsch“, die Orte „Tscherms“, „Tschigg“ und viele mehr allein im Burggrafenamt. Wenn wir über die Berge hinwegstreifen, begenet uns das „Tsch“ der Räter überall. „Chavalatsch“ (gesprochen Tschawalatsch) im Graubünden, „Latsch“, „Matsch“, „Tschars“ im Vinschgau, „Tschafon“ am Schlern, „Patsch“ bei Innsbruck, und so weiter ohne Ende.

Dann sind da die mit typischen Endungen auf „s“ wie Naturns, Nals, Plars, Stuls oder Sprons, die melodischen auf „on“ oder „ol“, wie Farmazon, Tirol oder Mariol.

Und da sind vor allem die Orte mit der Endung „an“.

Die müssen wir nicht lang suchen. Das Etschtal ist voll davon: Meran, Vilpian, Grissian, Sirmian, Prissian, Vöran, Völlan, Riffian – sogar Fabian. Daneben gibt es versteckte „an‘s“ wie in Lana, das eigentlich Lana(n) heißen müsste, oder Schenna(n). Nicht genug damit: Selbst die Landeshauptstadt Bozen war einmal „Bozan“ oder so ähnlich, und es ist leicht vorzustellen, dass das „e“ in Brixen auch nur eine Schleifung des „a“ ist.

Diese Endung „an“ wird von vielen als Besitz anzeigende Endung aus dem Lateinischen angesehen, man denke an Städte wie „Herculanum“ bei Pompei oder „Mediolanum“, Mailand. Ja, das würde gut passen, sich vorzustellen, dass lateinisch sprechende Zuwanderer aus Italien – übrigens lange vor dem militärischen Feldzug des Kaiser Augustus um 15 v. Chr. – sich in den netten Hügellagen wie Eppan, Terlan oder Prissian niedergelassen und dort als Gutsbesitzer oder Händler den damals schon berühmten rätischen Wein angebaut oder gehandelt hatten, und dass der Ort nach ihrem eigenen Namen benannt sein würde, also Eppan als Gut des Appianus, Lana als Gut des Leonidas und so weiter. Der italienische Ultranationalist und Faschist Ettore Tolomei pflegte diese Vorstellung mit Inbrunst und hatte darauf seine Theorie aufgebaut. Er sah es als vaterländische Lebensaufgabe, nachzuweisen, dass Italien exakt bis zum Alpenhauptkamm (und warum eigentlich nicht darüber hinaus?) immer schon italienisch war und dass die deutschen Siedler nichts anderes als barbarische Eindringlinge waren, deren Existenz und Spuren es endlich zu tilgen gelte. Wie Tolomei im Vorwort seines „Prontuario“ sagt, – ein Verzeichnis, mit dem er systematisch alle Orts- und Gebirgsnamen Südtirols ins Italienische übertrug – war es sein Ehrgeiz, als erstes die Militärlandkarten mit italienischen Namen zu versehen. Das 1919 in Folge der Waffenniederlegung der Österreicher einrückende italienische Militär sollte in Südtirol nicht Untermais vorfinden, sondern Maia Bassa, nicht eine Hochwart, sondern eine Guardia Alta und so weiter. Es sollte eben nicht der Eindruck entstehen, dass man sich fremdes Land unter den Nagel gerissen hatte, sondern dass der letzte Teil Italiens endlich heimgeholt worden sei. Ach, und ganz nebenbei: Die Tessiner warten heute noch sehnsüchtig darauf, dass auch sie „erlöst“ werden. Soviel zur Verlogenheit des Ganzen.

 

Zurück zu den Rätern und ihren „an‘s“ und „on’s“! Es sind eben nicht nur die Weinlagen, die auf „an“ enden, und in denen es sicher auch römische Gutsbesitzer gegeben hat. Da gibt es ein „Damian“ im Hochgebirge von Passeier, ein „Simian“ im waldigen Ulten, genauso wie die lautlich eng verwandten Bezeichnungen auf „on“, wie „Gomion“ (Passeier), „Marson“ (Ulten), ein „Tschifnon“ ober Schenna, „Plon“ in Naturns, Mathon auf dem Tschöggelberg und Gargazon im Etschtal. Eindeutig rätisch sind auch die Namen auf „-aun“. Bei „Graun“ oder Similaun“ im Vintschgau lässt man sich diese rätische Kostbarkeit noch gefallen, gilt doch diese Gegend zusammen mit dem schweizerischen Graubünden als die Urheimat der Räter. Aber die Namen zeigen was anderes. Die Stammheimat dieser rätselhaften rätischen Stämme seit Ötzis Zeiten ist Südtirol, nicht die Schweiz. Auch im Burggrafenamt bis ins Trentino sind die „aun’s“ unter uns. Oder warum wohl sind die italienisch sprechenden Nonsberger ursprünglich „Anaunen“? Im Ulten gibt es Kapau(er)n und Maraun(-tal), bei Naturns „Latschraun“, am Eingang der Naif (auch rätisch!) ein Vernaun, und auch die Sonnenterasse Merans ist ein Vellau(n). Weitere  rätische Verwandte sind die „–ein‘s“, „ei’s“ und „eid’s“ wie „Martschein“ (Ulten), Laurein, Patleid, Rateis, Proveis, Gfeis. Diese Räterkunde könnte noch ein ganzes Stück weitergehen, wir beenden sie aber mit einem Gustostückerl: Wissen Sie, wie die drei Bergspitzen zwischen St. Felix, Laurein und Proveis heißen?  Sam, Popi, und Sous. Nett, gell? Nur, mit Italienisch und Römisch hat das alles nix zu tun. Dazwischen gibt es große Namenspoesie der deutschen Bergbewohner, die ab 400 n. Chr. dieses Land mit zäher Arbeit ihr eigen machen. Im Ulten finden wir die sprechenden Namen Halsmannn, Gruben, Moos, Nasl, Fuchsen, Oberholz, Unterholz, Wildegg, Kampel, Hauser, Eidschwör, Kohlstatt, Kerschbaum, Holzschlag, Welsche Grube, Welscher Berg, Schmiedhof, Kessel, Steinberg, Reinhof, Oberegg, Unterpichler, Kirchberg, Larcher, Windkofler, Langsee, Grünsee, Weißbrunn, Hasenöhrl, In der neuen Welt, Steinberg, Kaserberg, Neuwiese, Silberhof, Mitterbad, Lotterbad, Egghaus, Bergmann, Blaue Schneid oder Gonnewald einträchtig neben den Rätern Marson(er), Zoggl, Simian, Laas, Laugen, Gamper, Pils (-berg, -bach, -hof), Tuver (-bach, -alm, -spitz), Soy (-joch), Flim (-spitze, -alm, -joch) oder Flatsch (-berg usw.). Das gleiche im Passeier:  Die Räter Kuens, Gstear, Riffian, Gfeis, Pfitscher, Pfitschkopf, Pfitscher Lacke, Fals (-Tal), Vernuer, Finele, Sprons, Pfelders, Scheitz, Glamitz, Tschaggen, Saltaus, Matatz, Pfitscher, Tramutz, Zögg, Schmötzl, Pfistrad (-Tal) Fartleis (-Tal)  Grafeis (-Tal), Oberseier, Glaitner, Saltnuss, Jaufen, Vermohl, Stuls, Damian, Gorges, Ulfas, Gomion, Tasach, Gampen, Valtmar (-Alm), Muls, Lazag, Timmels, Imest, Sprintzen, wechseln sich ab mit den deutsch-baierischen Namen Moos, Rabenstein, Magdfeld, Sauerloch, Sattelspitze, Plattenberg, Schönau, Focknlacke. Nicht anders mischen sich die rätischen und deutschen Namensfamilien überall. Kleine Kostproben: (Deutschnonsberg) Proveis, Laurein, Mair, Neuhaus, Thal, Oberweg, Stiergbergalm, Matzlaun, Maloyer, Clozner Loch Wassertal, Höllental, Schöne Wiese, Wechsel, Schöneck, Tillgamp, Plattleiden, Gampen; (Mittelgebirge) Tisens, Fabian, Kasatsch, Feuchtenthal, Saxill, Völlan, Rateis, Lana, Plattleid, Grissian, Sirmian; (Naturns) Schnatz, Latschraun, Tum, Plon, Partschell, Fransch, Platatsch, Pardell, Karneil, Patleider, Kompatsch, Tschirland, Platzgum, Ragoi, Plaus; Partschins, Vellau, Maratsch, Spauregg, Plars; Tscherms, Tschigg , Kofler, Egger, Holzer, Hofer, Hillebranter; (Meran) Mais, Schenna, Naif (-bach, -tal) Noafer, Vernaun (Berg, Schloss), Goyen (vgl. Maloyen), Tschagg, Zmailer, Verdins, Tschifnon (-er Wälder), Taser, Sail, Tall; (Tschögglberg) Vöran, Grums(-er), Gatsch (er), (Ober-, Unter-) Kampil, Magritsch, Kampidell (St. Magdalena), Zinal, Mathon (-Unter-, Ober-) Tschifon (-erwald), daneben Bergmann, Steinmann, Bärenthaler, Hirschbichl. Unten: Gargazon, Morosing, Pfrontschen.

 

Namen sind wie die Erdschichten in der Archäologie. Eine jede Schicht erzählt von ihrer eigenen Zeit, und nur zusammen mit der Oberfläche von heute machen sie zum Schluss das Wesen und die Einzigartigkeit einer Kulturlandschaft aus. Dass Ettore Tolomei mit dem Eisenbesen des Nationalismus da drüber gefahren ist und Namen erfunden und phantasievoll verfälscht hat ohne Ende, das ist eine unverzeihliche Schande. Wenn private Leute lieber Quarazze sagen als Gratsch – ein jeder wie er’s mag. Schlimm ist nur, dass dieser Qua… tsch die einzige amtlich gültige Bezeichnung ist. Eine neue Namensgesetzgebung muss auf jeden Fall die alten, gewachsenen Namen wieder ins Recht setzen und Ihnen wieder die Vorfahrt geben. Im Gebrauch waren sie ja schon immer.

 

 

 

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