Maiandacht

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O-ho Maha-ri-hi-a-aa-hilf… diesen Liedvers haben wohl alle Südtiroler in ihrer Kindheit einmal inbrünstig gesungen, in einer Maiandacht. Und heute? Auf der Suche nach der Maiandacht.

Wenn jeden Maiabend die Kirchenglocken läuten, dann heißt das: Maiandacht. Alle, die ihre Kindheit bis hin in die späten 60er Jahre gehabt haben, ist die Maiandacht ein fester Teil ihrer Lebenserinnerung. Nicht nur in der Kirche, auch zuhause in den Gebetsnischen und an vielen Bildstöcklen gab es kleinere oder größere Marienfiguren aus Holz oder Stein, ja sogar schon aus Plastik – aber alle mit dem himmelblauen Mantel, einem schneeweißen Kleid, den gefalteten Händen vor dem huldvoll geneigten Kopf und dem jungfräulichen Blick. Alle Marien waren im Monat Mai mit frischen Blumen geschmückt. Als die Winter noch härter und länger waren, gab es Maiglöckchen für die Muttergottes, und wenig später kam dann betörend duftender Flieder dazu. Nirgends fehlte es an brennenden Kerzen, kleinen dünnen und größeren, dickeren. Wenn sich beim Ablöschen der Kerzen der Duft des rauchenden Paraffins mit dem der Blumen mischte, dann roch es nach Maiandacht. Besonders schön hildesheimer madonnawar das große Gnadenbild in der Kirche, vor dem die vielen Kinder und Frauen, nicht wenig gestandene Männer und überhaupt, gar nicht so steinalte Leute die Maiandacht hielten. Eine Holzstatue im barocken Stil, mit prächtigen Farben bemalt, viel Gold, Blau und Weiß, die Gnadenmutter mit rosa Pausbäckchen und blondem Haar, das Jesukind in ihren Armen ein kleiner Nackedei – ein Bild des Lebens. Seltsam nur diese widerlich giftgrüne Schlange, die um die zarten, bloßen Füße Mariens herumzukriechen schien. Dazu stand die hohe Frau noch auf irgendeinem Planeten, mit deiner Mondsichel im Hintergrund. Während die Chöre der Betenden mit dem Weihrauch nach oben stiegen samt den tausendfachen Bitten, die Gnadenreiche möchte uns doch erlösen, gab die Betrachtung des Marienbildes wenigstens den Augen der empfindsameren Heranwachsenden dieses Rätsel mit der Schlange auf. Sie, die Gefahr und Böses verkörperte, schien dieser edlen Frau nichts anhaben zu können. Ja es war gerade das dieses Schlangenungeheuer, welches die frauliche Schönheit dieses himmlischen „Meersterns“, dieser wunderschönen Mama erst hervorhob und ihr den Zauber der Reinheit gab. Jedenfalls schien sich das Poppele mit den keifen Fettringen in ihren Armen pudelwohl und äußerst sicher aufgehoben zu fühlen. Ja, Mai war Marienmonat. Und die Maiandacht gehörte zu ihm wie die Rosen oder die Rorate zum Advent.

Das war zu den Zeiten, als die Kirchen noch voll waren. Heute ist die Frömmigkeit und Inbrunst der Bitten an Maria die Himmelskönigin noch die gleiche, aber das Bild hat sich dramatisch gewandelt. Schon von den „Verkündigungszetteln“ und Pfarrbriefen her, die heute alle schon im Internet sind, erfährt man, dass die Maiandacht arg geschrumpft ist. In den meisten Kirchen wird sie nicht mehr täglich gehalten, sondern höchstens an zwei Tagen der Woche und sicherheitshalber am Sonntag, oder wie in Niederlana noch dazu mit musikalischer Begleitung durch den Burggräfler Volksmusikkreis. Etwas feierlicher und vielleicht auch etwas anziehender, für zögerliche Besucher. Nun, um es etwas genauer zu wissen, hier eine kleine Burggräfler Stichprobe. Ohne näher auf den Zettel zu schauen – etwas gemein zwar – was sonst ist eine Stichprobe? –, geht es an einem Mittwochabend nach Riffian.

Zum bekanntesten Marienwallfahrtsort des Burggrafenamtes mit dem siebenhundert Jahre alten und verehrten Gnadenbild der Madonna. Im Marienmonat Mai wird wenn, dann sicher in Riffian auch an einem beliebigen Werktag die Madonna angebetet. Von Meran her kommend ist an diesem Abend wenig Verkehr. Am Dorfeingang kommen auf dem Gehsteig rechts der Straße drei Kinder auf Rädern entgegen. Sie haben Fahrhelme auf. Die Geräte sind sportlich. Zwei Kinder sind übergewichtig. Sonst auf den Straßen kein Mensch. Aber alles blitz und blank. Pension, Hotel, Bank, Laden, Schule, Feuerwehr, Volkswohnbau, Apfelbau und alles. Das Dorf atmet Reichtum. Ah, dort geht noch eine ältere Frau. Auf dem Gässchen zur Kirche ein folkloristisch herausgeputzter Törggelekeller. Ein paar ältere Urlaubsgäste sitzen im Garten und eine Passeirer Schönheit serviert in Lederhosen und weißrotem Hemd. Aber auf dem Weg – weiterhin kein Mensch. Dann kommt ein schwarzer flotter Mini entgegen und danach, ah, das muß der Pfarrer sein, oder ist es ein Lehrer? Der geht aber in die verkehrte Richtung, weg von der Kirche. Langsam kommen Zweifel auf. Da, noch einmal Kinder, endlich. Diesmal sind es vier, auch wieder auf Rädern und mit Helmen auf, und diesmal ist nur eines übergewichtig. In ihrer Mitte eine junge Frau. Sollte es nichts werden mit der Maiandacht, dann wäre hier der Hauch von Maria gegeben. Aber auch sie gehen nicht Richtung Kirche, sondern zu einem kleinen Ballplatz mit Schutznetz gegen die Straße. Der Parkplatz für Kirchenbesucher ist klein, aber es gibt ihn, was schon ein Wunder ist in dieser auf den letzten Quadratzentimeter augenutzen, gepflegten und offensichtlich wertvollen Boden am Riffianer Hang. Vor der Wallfahrtskirche hört man nur das Zirpen der Schwalben und den Wind. Weit und breit kein Mensch. Nicht einmal ein Gesicht, das durch eine Fensterscheibe aus dem angrenzenden Widum schaut. Aus dem Torbogen des Vorgebäudes heraustretend, steht man gerade vor der Barockfassade der Wallfahrtskirche. Schon ist sie da, die Inschrift: Ora pro Nobis, Maria! Am Gebäude wird ersichtlich, dass die Maiandacht eine Erfindung des italienischen Barock ist. Gleich nebenan, in der frühgotischen Rundkapelle, gibt es noch keine Hinweise auf die Madonna an den reichen Wandmalereien der Innenwände. Niemand da. Die Mainandacht am beliebigen Werktag in Riffian gibt es nicht. Unberührt davon strahlt die sitzende Gottesmutter, den Leichnam ihres gequälten und hingerichteten Sohnes in den Armen, eine goldene Gnade und Fülle aus. Heute ist niemand da. Vielleicht ist weitere hundert Jahre niemand da. Aber wenn sie siebenhundert Jahre allein schon als Statue gelebt hat, was macht das aus? Vielleicht gibt es heute eine Maiandacht in der Stadt? Also schnell hinunter zur Kirche „Maria Assunta“. Auf dem Rückweg steht die junge Madonna unserer Tage am kleinen Sportplatz ganz verliebt mit ihrem Josef zusammen, während die Kinder von vorhin jetzt Korbball spielen. Gott sei Dank! Es ist Mai und es gibt Leben und Hoffnung selbst an diesem ebenso reichen wie verlassen scheinenden Ort. Vom Tiroler Traditionswallfahrtsort hin zur walschen Kirche. Prompt läutet um Punkt sieben Uhr der Lautsprecher. Nein, er läutet nicht, er hat so eine Art singendes Glockenspiel: Ave, Ave, Ave Maria… Aber der Platz vor der Kirche ist leer, der Kinderspielplatz daneben ist leer, der Fußballplatz dahinter ist leer. Wäre da nicht das Rauschen der Autos vor dem früheren Grandhotel Emma gegenüber, dann könnte man meinen, alle Leute außer ein paar Herumtreiber hätten sich zuhause eingeschlossen und lassen Linden, Rosskastanien und laue Maienlüfte ganz allein mit sich selber. Aus der Nähe entpuppt sich die Assunta Kirche nebenbei dann doch als ziemlich deutsch, aber zu bleibt sie dennoch. Also ein letzter Versuch in Lana. Dort haben sie auch so einen eckigen Kirchtum wie bei der Assunta, überhaupt ähnlich diese Heilig-Kreuz-Kirche. Wurde in den 1940er Jahren gebaut, von uns „Deutschen“. Aber selbst die Baustile zeigen, dass es zwischen „Walschen“ und „Deutschen“ schon länger her nicht so große Unterschiede gibt wie manche tun. So, wie ja auch die Madonna eigentlich eine uritalienische Sache ist. Viele sagen, es sei nur die von den Christen umfunktionierte Mutter- und Mondgöttin der alten Römer. Das Flehen du Beten, das Dürsten und Sehnen nach der großen Überfrau und ihrer Huld soll angeblichschon vor der Ankunft von Peter und Paul in Rom ein mächtiges Bedürfnis der armen Menschlein gewesen sein. Aber wo bleibt die Maiandacht? Ja, in der gelben Hauptkirche von Lana gibt es sie täglich. Noch fehlen 20 Minuten. Draußen der Platz ist leer. Nur aus einem weißen Suzuki-Geländewagen steigen zwei blondierte Damen, in Marinefarben gekleidet und eifrig redend aus und gehen langsam über den Kirchplatz Richtung Cafè Sader. Weiter oben wartet ein Mensch an der Bushaltestelle. Im Innern der Kirche alles dunkel, das Kirchenschiff ist ganz leer. Nur ganz vorne eine schwarze gebückte Gestalt, die etwas richtet. Als das Fotoblitzlicht aufleuchtet, tönt die Stimme etwas angestochen (‚unerhört, was erlaubt der sich, schon wieder so ein Gaffer’): „Wir haben Maiandacht!“ „Ja, tatsächlich.“. Gottesmutter süße, o Maria hilf! Maria, hilf uns allen aus unsrer tiefen Not.

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