Wohin?

Wegweiser beim  Taser - Foto: helgesfotoalbum
Wegweiser beim Taser - Foto: helgesfotoalbum

Bisher hatten wir eine ungetrübte Freude mit den neuen Wegweisern auf tausend Wegen und Steigen, die der Alpenverein in vorbildlicher Arbeit neu aufgestellt hat. Aber jetzt gibt es einen Schilderstreit.

Wie glücklich ist doch dieses Land und wie gut bezahlt seine Politiker, wenn sie keine anderen Probleme haben als sich um die Namen von Almen und Weilern zu streiten. Oder ist der Sommer zu lang und zu leer gewesen? Jedenfalls haben die Damen und Herren gewisser italienischer Parteien plötzlich festgestellt, dass es in den Bergen zu viele Hinweistafeln für Wanderer gibt, die nur die deutsche Bezeichnung für Orte tragen. Ja, der Ettore Tolomei ist da tatsächlich ausgeladen worden. Das ist jener Herr, dem es gefallen hat, für jedes kleinste Fuzzele von Ort, Haus, Berg und Bach im südlichen Tirol einen italienischen Namen zu finden, damals, vor rund hundert Jahren. Es sollte das als Kriegsbeute gewonnene Erbland der Habsburger ein neues, durch und durch italisches Gesicht bekommen. In einer Zeit, in der die Einheit von Sprache und Staat heilig war, sollte die Erinnerung an alles Deutsche südlich des Brenners ausgelöscht werden. Italienische Namen, nicht, um den neuen Herren Einwanderern den Umgang in den Bergen zu erleichtern, sondern um die Herrschaft Italiens in diesem Winkel der Alpen zu besiegeln.

Der Sprachgelehrte im Dienst der nationalen Sache ist dabei gründlich und sogar fantasievoll vorgegangen. Manchmal erstaunlich sachkundig, und manchmal tapsig an der Grenze des Lächerlichen. Entgegen gekommen sind ihm die rätischen Ursprünge vieler Ortsnamen in Südtirol. Wo sich die Namen nicht fügten, wurde kurzerhand etwas darüber gestülpt. Aus Guggenberg wurde Moncucco, aus Aschbach wurde Rio Lagundo, aus Prad Prato.

Nicht, dass die neuen Namen hässlich wären, nein, sie sind melodisch und meist schön wie die italienische Sprache überhaupt. Trotzdem war es eine groß angelegte Fälschung und im Ergebnis eine Erniedrigung der heimischen Gebräuche und Eigenart.

Genau mit der selben politischen Absicht, nämlich die Herrschaft zu sichern, wenden sich im Sommer 2009 Politiker der italienischen Rechtsparteien an die Staatsanwaltschaft, um die einsprachigen, sprich deutschen Wegweiser des Alpenvereins anzufechten. Sie berufen sich darauf, dass die politische Verfassung der autonomen Provinz zweisprachige Ortsnamen vorschreibe und dass der private Alpenverein seine Beschilderung von Flur und Berg nicht allein mit dem Einsatz von Freiwilligen, sondern auch mit Geldmitteln der öffentlichen Hand zuwege gebracht habe. Die Forderung: jede Tafel müsse neben der deutschen auch die italienische Ortsbezeichnung tragen.

Oh ja, klatscht Christoph Engl, der smarte oberste Werbeherr des Landes, Beifall. Rein deutsche Wanderwegweiser hätten die gleiche Umsatz mindernde Wirkung auf den Tourismus wie die Bomben der Separatisten auf Korsika. Neben den vier Millionen deutschen Touristen kommen mittlerweile rund zwei Millionen italienische Urlauber ins Land, und das nicht nur zum Pilze klauben. Das will gewürdigt werden. Andere bringen noch schlauere Argumente. Wie in aller Welt sollten sich Italiener in einer Welt zurechtfinden können, in der es deutsche Wegtafeln gibt? Die Armen landen etwa gar in der Öde und müssen vom Bergrettungsdienst geborgen werden!

Es ist leicht, sich über diese Sommerposse lustig zu machen, wenn es eine wäre. Ja, wir haben eigentlich ganz andere Probleme. Und nichts stört die vielen und wahren Bergfreunde aller Sprachen und Bekenntnisse mehr als die Störung des Friedens da oben, wo es nur den Himmel und die Freiheit geben sollte.

Leider geht es um mehr. Namen von Orten sind nicht nur zufällige oder beliebige Bezeichnungen. Die Macht der Sprache hat etwas Magisches. Sprache ist Bedeutung. Und daran hängt der Mensch, davon lebt er, danach ordnet er sich die Welt und sich selbst.

Deswegen ist es gut und richtig, dass der Alpenverein mit seinen einfachen Holzschildern vielen Orten ihre Bedeutung zurückgegeben hat, die sie seit Jahrhunderten haben, und die ist deutsch. Wer dahinter eine „Germanisierung“ sehen will, ist entweder böswillig oder klarer Chauvinist mit Diktator Benito im Heiligenwinkel. Auf der anderen Seite gebietet es die Vernunft, jene Orte, die im Laufe von hundert Jahren einen italienischen Verkehrsnamen erhalten haben, nicht auszugrenzen. Und besondere Rücksicht muss man bei den ladinischen Namen in Gröden oder Abtei walten lassen.

Wer etwa ins Münstertal auf dem Boden der Helvetischen Konföderation wandern geht, der findet dort Wegweiser aus Gusseisen mit schwarzer Inschrift auf gelbem Grund, die da lauten: Pas del Fuorn, Lai da Rims, Sass Radond und so weiter. Kein Hauch von deutsch oder italienisch. Und trotzdem finden sich die gewöhnlich gebildeten und oft betuchten Urlauber aus aller Welt im Engadin durchaus zurecht. So ist es bei unseren Nachbarn in der mehrsprachigen Schweiz.

Landschaftswechsel und Ortsaugenschein: Am Laugen grenzen das Trentino und Südtirol aneinander, dort leben deutsche und italienischsprachige Bergbewohner, dort geht das Ultental der bajuwarischen Siedler über in die sonnigen Hochflächen des romanischen Nonstales. An ein und demselben Holzpfosten finden wir die Wegweiser des SAT und des AVS. Das Ergebnis ist gar nicht so kriegerisch. Die Trentiner weisen auf die „Baita del Batista“ auf ihrem Gebiet hin, also einsprachig, und ebenso einsprachig nach „Mitterbad“ auf die andere, die deutsche Seite. Geht doch, oder? Lustig ist, dass sie in die gleiche Richtung auf „St. Pankrazio“ verweisen. San Pancrazio muss ihnen wohl zu italienisch geklungen haben für diese störrischen Älpler mit der schweren Zunge auf der anderen Seite des Berges, da haben sie halt anerkennend ein deutsches „k“ hinein geschmuggelt. Und dass die Malga Castrin eben auch Hofmahdalm heißt, ist kein Werk von politischen Propagandisten und Erfindern, sondern einfach der Beweis, dass ein Ort zwei natürlich gewachsene Bezeichnungen haben kann, die nicht immer auf derselben Tafel Platz finden müssen.

Der Streit um die Wandertafeln in Südtirol zeigt zum einen die Versäumnisse auf, die in Sachen gesetzlicher Anerkennung von uralten deutschen Ortsnamen gemacht worden sind. Hier muss unsere Politik das Gesetz zur so genannten „Toponomastik“ endlich voran bringen, um unseren lieben und teuren Ortsnamen endlich Geltung und Recht zu verschaffen.

Auf der anderen Seite soll kein Glaubenskrieg daraus werden, auch wenn deutlich spürbar ist, dass das Zündeln und Sticheln gewisser italienischer Medien und Politiker einen ernsten und wohl überlegten politischen Hintergrund hat. Die Geltung der deutschen Sprache, die seit dem Nazi-Desaster darnieder liegt, ist ein langer und beschwerlicher (Wander-)weg. Nur mit kleinen Schritten, beharrlich, friedlich und mit Respekt vor Menschen guten Willens, aber ohne touristische Nutzkalkulation kann und muß dieser Weg weiter beschritten werden.

Wohin? Nicht nach Moncucco, sondern nach Guggenberg, nicht zur Battistenhütte, sondern zur Baita del Batista. Übrigens: Wer auf Google Earth surft, der bekommt von alledem nichts mit. Dort, aus dem Weltall gesehen, ist unser Land für die ganze Welt immer noch – einsprachig italienisch. Wohin das wieder führt?

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